„… und so vergeht die schönste Zeit“

betr.: „Zuckerschädel“ von Charles Burns (Reprodukt) – endlich ausgeliefert!

Wochen später als angekündigt und drei Jahre nach dem ersten Band wird die jüngste Graphic Novel von Charles Burns zuendeerzählt. Zwischendurch befürchtete ich schon, ich würde nie erfahren, wie sie ausgeht, weil der Künstler aus einer seiner Zeitebenen und Sphärenbrüche nicht mehr zurückgekehrt ist.
Sein Held Doug leidet an einer zunächst unerklärten Unpäßlichkeit, verträgt seine Schmerzmittel nicht, steigt durch ein Loch in der Wand in eine Welt, die ungefähr so aussieht, wie wir uns die unsrige in absehbarer Zeit auch vorstellen können: ein verbrauchter Planet voller Abfall und Zivilisationsreste, strukturiert von einem rigiden Kastensystem, an dessen Horizont ein klobiger Insektenstaat in den Himmel ragt. Doug wird diese Welt erkunden.
Währenddessen, so dämmert uns, verrinnt die Jugend mit all ihren unwiederbringlichen Gelegenheiten. Und das, was man rückblickend für das größte Glück hält, hat man dummerweise besonders ausdrücklich mit Füßen getreten.

X_Auszug

Eine Reihe von Rezensenten der bisherigen zwei Teile „X“ und „Die Kolonie“ hat sich vom Verlag und vom Helden selbst das eine oder andere Motiv soufflieren lassen. Es stimmt natürlich – Charles Burns verneigt sich vor Hergé: er setzt dem Teenager Doug bei seinen Auftritten auf hippen Happenings etwas auf, was eine Tintin-Maske sein könnte, auch sein Avatar Johnny trägt die charakteristische Tintin-Tolle, und das rote Kuhmuster der seltsamen Eier kennen wir aus „Der geheimnisvolle Stern“. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon wieder auf. Burns‘ ligne claire liegt auf halber Strecke zwischen der Brüsseler Schule und Jack Kirby, was in dieser präzisen Lebendigkeit eine ziemlich einzigartige Sache ist. Es wurde sogar gemutmaßt, Hergé sei, wie einem bei der Lektüre dieses Comics endlich aufginge, viel abgründiger, als wir immer gedacht haben. (Ach, du liebe Güte!) Ich halte den vorliegenden Dreiteiler (einen Titel hat er bisher nicht) allenfalls für eine Hergé-Gegendarstellung.
Die ebensooft strapazierte Verbindung zu W. S. Burrouhgs ist weitaus greifbarer: der wird bei Dougs Auftritten rezitiert, und die detailliert abgebildeten Fehlbildungen, die in meist fahler Brühe an uns vorbeitreiben (Schweineföten, Mutationen mit unverfrorenem Blickkontakt, müffelnde Wunden …) könnten dem Kultautor gefallen haben. Aber irgendwie gingen mich die Burroughs-Trips nie etwas an, während mich Burns mit Haut und Haaren in seinen Maelstrom hinabzieht.
Insgesamt hat „X“ / „Die Kolonie“ / „Zuckerschädel“* mit diesen Vorbildern etwa soviel zu tun wie Truffaut mit Hitchcock – nicht das Geringste.

Zuckerschädel_Auszug 1

Nach dem Verrauchen meiner Begeisterung über die Graphic-Novel-Kultur der letzten Jahre ist Charles Burns mir geblieben. Für mich ist er der aufregendste Stilist der aktuellen Comic-Szene. Dass man (zumal als deutscher Leser) mit ihm Geduld haben muß, ist keine Neuigkeit. Vor zwanzig Jahren startete die Edition Kunst der Comics die Reihe „Charles Burns Gesammelte Werke“. Band eins, „Big Baby – Der Fluch der Maulwurfsmenschen“, vereinte die Höllen der Kindheit und der Vorstadt mit denen drastischer Misshandlungsängste in klaren aber aufwändigen Schwarzweiß-Bildern. Es blieb bei diesem ersten Band.
2011 folgte die Vollversion der innerhalb von elf Jahren entstandenen 12teiligen Reihe „Black Hole“, deren Helden einige Jahre älter sind als „Big Baby“. Die Schüler, die in den 70ern in einem Vorort von Seattle die Highschool besuchen, erkranken nach und nach an einer vielgestaltigen Seuche, die Außenseiter hervorbringt.
Danach machte Burns in Farbe weiter.

Seine Botschaften könnten gleichwohl schwärzer nicht sein (und es ist ein weiterer Vorzug seiner Kunst, dass vermutlich jeder ein paar andere darin findet).
Zum Beispiel diese: Drogenkonsum ist immer die Folge von Selbstmitleid und Langeweile. Die Beatniks und Gonzos wollen das aus einleuchtenden Gründen natürlich nicht hören. Bei Charles Burns wird es zumindest nicht abgestritten, und die Strafe, die darauf steht, ist fürchterlich.

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* Nachtrag: alle drei Teile haben inzwischen einen Titel und sind in dem Paperback „Last Look“ versammelt.
Die Abbildungen stammen aus „X“ und „Zuckerschädel“, mit freundlicher Genehmingung von Reprodukt.

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