Chaplins bester Tonfilm

betr.: 69. Jahrestag des Drehschluß von „Monsieur Verdoux“

Unter den Werken Charlie Chaplins nimmt „Monsieur Verdoux“ eine Sonderrolle ein, und es ist keine ruhmreiche. Sieht man einmal von seinem „Großen Diktator“ ab, der durch seinen warmherzigen Slapstick und eine letztmalige Nähe zur alten Tramp-Figur beim Publikum noch immer heimelige Gefühle auslöst, hat sich der Meister niemals an eine annähernd abgründige Figur herangewagt: Henri Verdoux ist eine Interpretation von Henri Landru, einem historischen französischen Frauenmörder.
Die Kritik fasste die allgemeinen Vorbehalte mit dem Slogan „ein Chaplin ohne Charlie“ gut zusammen, das Publikum ließ den Film durchfallen. Chaplin war zu diesem Zeitpunkt – kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs – in den USA auch sonst eine Reizfigur. Senator McCarthys Kommunistenhetze war voll erblüht und hatte in dem einst „berühmtesten Mann der Welt“ ein prachtvolles Exempel gefunden. (Wie die meisten anderen Opfer der Hexenjagd, wußte Chaplin gar nicht, was Kommunismus eigentlich ist.) Chaplin, der überdies unschuldig in einen Sorgerechtsskandal verwickelt war, wurde schließlich ausgebürgert und entzog sich seinem bisherigen Leben an der Seite seiner vierten, blutjungen Frau, die nun die Richtige war, wie wir heute wissen.
Sie merken schon: viel von dem, was die Rezeption des „Verdoux“ einst verdüstert hat, kann uns heute herzlich egal sein. Trotzdem und weit darüber hinaus war es eine Riesenüberraschung, den Film nach langer Zeit wiederzusehen.

Ich hatte „Monsieur Verdoux“ zuletzt als Halbwüchsiger gesehen und durchaus gemocht, aber gegen meinen Lieblingsfilm „Rampenlicht“ war er nicht angekommen. Dieser ist nicht nur der perfekte Schwanengesang des alten Chaplin (er drehte noch zwei weitere Filme) sondern auch eine Liebeserklärung an den Entertainerberuf im weitesten Sinne, an das Theater, die Rolle des Komikers, die Musik, die Liebe, die Zuversicht – kurzum: alles, was wirklich zählt im Leben. Ähnlich wie im „Diktator“ setzt es auch hier viel von Chaplins Lebensphilosophie, wenn auch über den Film verteilt und nicht in Form einer einzigen flammenden Rede, aber auch durchaus harte Worte – z.B. wenn der Clown Calvero das Publikum als „Ungeheuer ohne Kopf“ bezeichnet. Doch insgesamt ist „Rampenlicht“ ein versöhnlicher Aufruf zur Unverdrossenheit.

Zwischen diesen beiden Meisterstücken liegt der omnöse „Monsieur Verdoux“, dessen Vorzüge ich heute viel besser zu würdigen weiß – zumal in der deutschen Fassung einige wichtige Szenen fehlen, die ich kürzlich zum ersten Mal gesehen habe. „Verdoux“ entstand unter einem ungewöhnlichen Zeitdruck, d.h. Chaplin, der sich sonst wenn nötig Jahre für eine einzelne Szene Zeit nahm, bis sie ihm endlich genügte, hatte es hier mit einem ganz gewöhnlichen straffen Drehplan zu tun, und das schadet dem Ergebnis keineswegs. Der Film ist weniger artifiziell geraten, beiläufiger aber nicht weniger präzise und sorgfältig. Sogar die Filmmusik folgt mehr als sonst den Gesetzen des klassischen Underscorings. (Folglich blieb sie von den immer wieder erscheinenden Chaplin-Filmmusikplatten bisher fast völlig ausgenommen.)
Darüberhinaus ist „Monsieur Verdoux“ – ohne in den Zynismus abzurutschen – Chaplins abgeklärtester Film.
Im zweiten Akt gibt es eine ungemein große, emotionale Szene, die man etwas voreilig für den Höhepunkt halten könnte: Verdoux möchte ein neues, nicht nachweisbares Gift erproben und lädt dafür eine Prostituierte in seinen Unterschlupf zum Essen ein. Als er ihres goldenen Herzens gewahr wird, entschließt er sich, den vergifteten Wein auszutauschen – den bekommt später ein Kriminalbeamter zu trinken. Im Finale des Films hat Verdoux das unschöne Gefühl, sich in der jungen Frau getäuscht zu haben: sie hat unterdessen einen Waffenbfabrikanten geheiratet.
Die Dialoge beweisen, dass sich Chaplin 20 Jahre nach Einführung des Tonfilms endgültig vom Stummfilm emanzipiert hat. Es gibt – nur in diesem Werk – keinerlei Reminiszenzen an die stumme Slapstick-Comedy. Der gebotene Slapstick arbeitet immer auch mit dem Ton, und die Dialoge gehören zu den subtilsten in seinem Werk.

In der Schlußszene erhält der totgeweihte Verdoux den üblichen Besuch von einem Geistlichen. Chaplin schafft es, den sakralen Trost beiläufig zurückzuweisen, ohne dass der Priester oder seine Institurion geschmäht oder lächerlich gemacht werden (- was einige seiner Kritiker nicht davon abhielt, ihm genau das vorzuwerfen).
Besonders beeindruckend ist die Großzügigkeit, mit der sich hier die Komik seiner Mitspieler entfalten kann. Selbst ein legendärer Gast wie Buster Keaton in „Rampenlicht“ bekommt einen recht engen Raum zugewiesen: die Vaudeville-Nummer am Ende des Films. Die köstliche Martha Raye – die einzige Gattin, die der Mörder nicht zur Strecke bringt – darf sich hier über weite Strecken austoben und einige der besten Gags abräumen.

Einen kleinen Schönheitsfehler weist „Monsieur Verdoux“ auf, und er ist erklärlich. Zuletzt gibt es einen Zeitsprung, und der quirlige Verschleuderer von Charme und Herzensgüte wirkt hinfällig und tatsächlich um Jahre gealtert. Vor Gericht und auf dem Weg zum Schafott ist er wieder ganz wie früher: agil und mit sich im Reinen. Das hat seine Ursache im Drehplan: um die Last der großen Auflösung frühzeitig von seinen Schultern zu laden, hatte Chaplin diese Einstellungen zuerst gedreht.

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