Ekel Anton

betr.: 54. Geburtstag von James Gandolfini

Längst haben sich „Die Sopranos“ einen Platz in einem Seitentrakt unseres abendländischen Kulturerbes gesichert. Sie sind der offizielle Urknall des hochwertigen dramatischen Serienfernsehens der Jahrtausendwende, das – es sei der guten Ordnung halber nicht verschwiegen – zur Stunde längst wieder im Abklingen ist.
Noch immer trifft man auf Personen, die sich den Schatz, welcher sich da aufgehäuft hat, noch gar nicht angerührt haben. Gibt es etwa Menschen, deren tatsächliches Leben ihnen dazu keine Zeit läßt?
Unbedingt möglich – aber schwer vorstellbar …
Sind diese Leute einfach nicht dazu gekommen, weil sie Smartphone um Smartphone zügig verschleißen mußten, um Raum für die jeweils neueste Version zu schaffen, und zu diesem Zwecke unzählige sinnlose Facebook-Einträge und 160-Zeichen-Nachrichten lesen mußten, so dass ihnen keine Zeit für episch erzählte Formate blieb?
So wird’s gewesen sein.

Zum Geburtstag des Ur-Protagonisten der neuen Zeitrechnung, des Kunta Kinte der zusammenhängenden DVD-Box: James Gandolfini – er starb vor zwei Jahren mit 51* – soll es nun gestattet sein, einen weiteren Blick auf diese Serie zu werfen, in der er so hinreißend den Helden und Schurken gab: „Die Sopranos“.
Ich habe sie seit der ersten leidenschaftlichen Auskostung nicht mehr eingelegt, kann aber auf die Schnelle ganz gut in mich hineinhören, warum das so ist. (Schließlich habe ich mir „Breaking Bad“ gleich zweimal angesehen, „Six Feet Under“ mit etwas Abstand nochmals vollständig, sogar Edelschrott wie „24“ kam mir inzwischen wieder auf den Schirm.)
Zunächst einmal habe ich ein gewisses Problem mit Mafia-Stoffen. Diejenigen, die mich dennoch gefesselt haben, genießen daher meine besondere Hochachtung: „Der Pate“ eins und zwei natürlich und eben die „Sopranos“. (Der ganze pseudosizilianische Scorsese-Plunder kann mir gestohlen bleiben.) Es betrübt mich aber etwas, dass dieses Format so ununterbrochen an die niedrigsten Instinkte appelliert. („Breaking Bad“ erschien mir daneben als ein geradezu moralisches Format!) Das Mafia-Sujet erleichtert es den Autoren auch, Figuren beiseitezuschaffen, um einen Knalleffekt einzubauen oder sich einer Figur zu entlegen, mit der man nichts mehr anzufangen weiß, ohne dass das für den Tötenden irgendwelche juristischen oder sonstigen Konsequenzen hat. Solche Bequemlichkeit bereitet mir immer einen etwas modrigen Beigeschmack. Wie habe ich das ausgehalten? Wegen der fabelhaften Dialoge natürlich, der dollen Besetzung, des Humors, den die amerikanischen Autorenteams eben auch so viel besser im Griff haben als unsere Serienmacher, denen spätestens die Redaktion alles rausstreicht, was amüsant sein könnte.
Ich erinnere mich aber auch, dass ich die gesamte erste Staffel ziemlich verunglückt fand. Als ich sie mir anschaute, war der Kult schon so weit gediehen, dass ich mich durchgebissen habe, aber ihre Qualität ist eine (von mehreren!) Erklärungen dafür, dass „Die Sopranos“, als sie 2000 im ZDF starteten, erst einmal niemand sehen wollte und sie bald wieder beerdigt wurden.
Aber diese Panne wurde auch später nicht behoben, und insofern sind die Mafiosi von New Jersey auch ein wichtiger Teil unserer TV-Geschichte. Kampflos wurde die heiße Ware konkurrierenden Medien überlassen, von einem Sendebetrieb, der nicht einmal mehr von seinen eigenen Mitarbeitern eingeschaltet wird.

Neugierig geworden auf „Die Sopranos“? Gut so.

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* siehe Blog vom 5. November 2014

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