Eine Faust geht nach Osten

… oder Aus der Geschichte der political correctness

betr.: vor 60 Jahren verließ der letzte sowjetische Besatzungssoldat Österreich.

Nicht alle Marvel-Helden hatten gleichermaßen Glück mit ihrer Alterskarriere auf der großen Leinwand. Während der Kino-Hulk zunächst völlig mißverstanden und inzwischen nachgebessert wurde, es bei Spiderman umgekehrt war und die „Fantastic Four Horror Picture Show“ jeden entsetzen muß, der die alten Comics geliebt hat, ist „Iron Man“ recht heil in der Gegenwart gelandet. Die Idee, seine politischen Gegner aus dem Osten des Eisernen Vorhangs in den Nahen Osten zu verlagern, ist schlüssig und elegant.
Im Oktober 1976 gab es mit dessen literarischer Vorlage ein Problem, das uns in ein erstickendes Schattenreich hineinführt, in dem jeder Superheld kläglich zugrundgehen müßte: die Sphäre der political correctness.
Der Hamburger Williams-Verlag, dem wir auch das sagenhafte deutsche „MAD“ verdanken, legte das Marvel-Universum seinerzeit für die hiesige Leserschaft auf. Eine Publikumsreaktion trieb die Redaktion dazu, sich mit einem Statement unter der Überschrift „Der Fall Der Rote Wächter zu erklären.

Der Eiserne #4
.                       Der Stein des Anstoßes: ein Sammlerstück aus den 70er Jahren
.                                           (Copyright by MARVEL COMICS GROUP)

Wer aus seiner Biographie heraus dazu in der Lage ist, möge sich kurz die Leidenschaft (… Leidenschaftlichkeit …) in Erinnerung rufen, mit der in den Jahren nach 1968 politische Sujets im Alltag diskutiert wurden. Privateste Zwistigkeiten wurden in gern in einer Weise in die Schablone des Kalten Krieges eingeklemmt, die uns Bewohnern der wolkig-gesinnungslosen Merkel-Republik nicht im Traum einfiele. (In den regelmäßigen Wiederholungen der Sendereihe „Ein Herz und eine Seele“ läßt sich das ein wenig nacherleben.)

Jedenfalls erhielt die Marvel-Redaktion den Anruf eines Lesers, der sich über die Nr. 4 der Heftreihe „Der Eiserne“ (siehe oben) erregt hatte. „Er sprach von Volksverhetzung, Jugendverführung und drohte gerichtliche Schritte für den Fall an, dass weiterhin derartig tendenziöse Geschichten auftauchen würden“.
Iron Mans Gegner waren Russen und als solche gut an ihren sowjetsterngeschmückten Uniformen erkennbar. Der Anrufer machte außerdem „typisch mongolische Gesichtszüge“ aus, die das Bild des „bitterbösen Sowjets“ abrundeten.
Die Redaktion fühlte sich nicht gerade ertappt: genau so war es ja gemeint. Iron Man kämpfte gegen die Russen, unter deren Regentschaft vermutlich auch der erwähnte Leser nicht gern gelebt hätte.
Wolfgang J. Fuchs – selbst Comic-Übersetzer und -Spezialist und ausgewiesener Marvel-Kenner – durfte eine Broschüre für die Bundeszentrale für politische Bildung mitverfassen: „Massenmedium Comics“. Darin hatte er bereits festgestellt: „In ihren frühen Jahren mußten selbst die (…) Marvel-Helden mit kommunistischen Gegnern ihre Kämpfe austragen. In den deutschen Lizenz-Ausgaben dieser Hefte, die jetzt erst erscheinen, hat man sorgfältig in Wort und Bild redigiert, z.B. Hammer und Sichel ebenso wie das Adjektiv rot peinlichst vermieden.“
Nichtsdestotrotz traf man in diesen Comics immer wieder auf ausländische Feinde, so auch Chinesen und Nazis bzw. „Huns“ („Hunnen“, also Deutsche), und zumeist waren diese Konflikte für die Logik der Handlung unerläßlich, und man hätte sie nicht ausmerzen können, ohne die Geschichte über den Haufen zu werfen.

Mediale Produkte sind überhaupt nur relevant, wenn sie sich historisch verorten lassen, und in den Comics hat das Tradition. Superman (der Inbegriff des Nicht-Marvel-Superhelden) und Captain America kämpften wie auch Laurel & Hardy, Donald Duck und Bugs Bunny gegen Hitler – und außerdem gegen den japanischen Kaiser. Auch in der zweiten Reihe taten die Künstler ihre vaterländische Pflicht. Der spätere MAD-Cartoonist Dave Berg schickte die „Death Patrol“, Fred Guardineer „The Blue Tracer“ in die Schlacht gegen die Nazis.
Nach dem Zweiten Weltkrieg – inzwischen verspielten die USA den erworbenen guten Ruf als Weltpolizei in Vietnam – entstand ein komplettes Genre, das zutiefst politisch war: die Underground Comics.
Es folgten die Jahre des „Tauwetters“ zwischen den Supermächten. „Die ruhmreichen Rächer“ („The Avengers“) balgten sich nun mit „jener fernöstlichen Macht jenseits des Bambusvorhanges“. Als Nixon nach Peking gegangen war „und die Pingpong-Mannschaft der Volksrepublik China good will Turniere austrug“, brach die Watergate-Affäre über die USA herein, und nun hatten die Superhelden auch vor der eigenen Türe zu kehren. Captain America ging mit gutem Beispiel voran und widmete dem Thema 14 Ausgaben.

Solche Reibereien fanden selbstverständlich auch in anderen Medien statt. Wenige Jahre zuvor waren die 40er-Jahre-Filmklassiker „Notorious“ und „Casablanca“ ein zweites Mal synchronisiert worden, um die Nazis, die in der früheren Bearbeitung retuschiert worden waren, wieder einzubauen – aus einem Gefühl der „Werktreue“ heraus und auch, weil die Geschichten keinen Sinn mehr ergeben hatten. Dem deutschen Publikum wurde endlich zugetraut, die Schmach des verlorenen Weltkriegs auch popkulturell zu verkraften. Daran läßt sich ablesen, wie wenig die offizielle Haltung zur politischen Korrektheit mit der tatsächlichen Befindlichkeit der Bevölkerung zu tun haben muß.
Die hat in weiten Teilen begriffen, dass Respekt nicht in der Leugnung von Verschiedenheit besteht sondern in ihrer Akzeptanz. Und eine solche ist nur möglich, wenn wir uns diese Unterschiede zunächst einmal eingestehen und klarmachen – auch mithilfe von Klischees, denn die sind in der Welt, und sie verschwinden nicht einfach auf Wunsch. Sie sind auch nicht alle feindselig. Und nicht jedes davon ist ein Vorurteil.

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