Tod auf dem Silbertablett

betr.: 30. Todestag von Rock Hudson

“Mögest du in interessanten Zeiten leben!” ist ein  chinesisches Sprichwort, das inzwischen die Runde gemacht haben dürfte. Es ist eine Verwünschung, denn „interessante Zeiten“ bedeuten Veränderung, und die ist für die Betroffenen zumeist unangenehm, mitunter tödlich: Kriege, Krisen, Umstürze, Untergänge.
Einen solchen Tod durfte ich miterleben – er war langsam und öffentlich. Und er berührte bzw. betraf uns alle. Die mediale Komponente begann im weitesten Sinne künstlerisch und führte die in die sumpfigen Ränder des Boulevards hinunter.
Dem chinesischen Bild wurde Genüge getan.
Es war eine Zeitenwende, in der das Ende des Hollywoodstars Rock Hudson eine Rolle spielte.

Seit Kenneth Angers Skandalchronik „Hollywood Babylon II“ wissen wir, dass ein Großteil der legendären Liebhaber der Leinwand schwul war, aber das öffentlich zuzugeben, hätte für jeden von ihnen das Ende der Karriere bedeutet. In der Regel wußte zumindest die Branche, wußten die Kollegen bescheid, so auch im Falle von Rock Hudson.
Seine letzten Filme waren mir nicht geläufig, als er Mitte der 80er Jahre im Fernsehen wieder auftauchte. Stolz verkündeten die Macher der beliebten Seifenoper „Der Denver-Clan“, ihn als Gaststar gewonnen zu haben.
Der wuchtige Naturbursche war schmal geworden.
Ich fand, das stand ihm nicht schlecht, aber er wirkte zunehmend fahl und hinfällig. Nach zehn Folgen ließ er sich wieder aus der Serie herausschreiben und schockierte die Öffentlichkeit mit dem Geständnis, an AIDS erkrankt zu sein.
Das bedeutete zum damaligen Zeitpunkt quasi automatisch auch ein Outing als Homosexueller und – in diesem galoppierenden Stadium – ein Todesurteil.
Rock Hudson hatte sich entschlossen, seine Prominenz zu nutzen, um die zivilisierte Welt auf diese noch sehr mysteriöse Krankheit hinzuweisen und die Politik zum Handeln zu bewegen. Aufklärung tat not, denn die erworbene Immunschwäche galt noch als „Lustseuche“ und eine Art „Schwulenkrebs“ gegen die z.B. CSU-Wähler immun waren.
Doris Day, Hudsons wichtigste Filmpartnerin aus glanzvolleren Zeiten, unterbrach ihren altersbedingten Rückzug aus der Öffentlichkeit und stellte sich tapfer an seine Seite.

Die Klatschpresse lief zur großen Form auf. Es wurde gemutmaßt, durch Kußszenen müßte sich das Virus mittlerweile unter dem gesamten Ensemble der Serie verbreitet haben und bald in ganz Hollywood wüten, wo ja jeder mit jedem schliefe.
Hudson, der seine Krankheit auf einer Paris-Reise öffentlich gemacht hatte, weil er dort auf eine bessere medizinische Versorgung hoffte, hatte Mühe ein Flugzeug zu finden, das bereit war, ihn wieder in die USA zurückzubringen.
Es war noch viel PR-Arbeit zu leisten, als er wenige Monate später starb. Elizabeth Taylor gehörte zu den Kolleginnen, die sich weiterhin darum kümmerten, eine Künstlerin, denen die Seuche viele ihrer Freunde und wichtigsten Mit- und Zuarbeiter geraubt hatte, und die im Ruf stand, eine „Schwulenmutti“ zu sein.
Hierzulande machte der Fassbinder-Schauspieler Kurt Raab seinen nahenden AIDS-Tod öffentlich.
Langsam bewegte sich etwas, auch in der Politik, und man war zuversichtlich, bald einen Impfstoff zu finden.
Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

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