Von der Unbeschreiblichkeit

betr.: 157. Geburtstag von Eleonora Duse

Als die legendäre italienische Schauspielerin Eleonora Duse 1924 starb, schrieb ein Journalist: “Wie sie gespielt hat? Allerschwerste Aufgabe, unlösbare Aufgabe, der Nachwelt zu berichten, was man als Zeitgenosse in Glück erbebend miterlebt hat.“
In einer wenige Jahre darauf erschienenen Biografie heißt es blumenreich aber resignierend: „Ja, – in der bitter schmerzlichen Vergänglichkeit ihrer Ausdrucksform scheint heute, wo sie tot ist, die tiefste Tragik dieser großen Frau sich zu offenbaren und das krampfhafte Sehnen, alles das zu halten und zu retten, was auch nur einen Schimmer ihres unermeßlichen Leuchtens in den Geistern der Nachwelt erglänzen lassen könnte, (…) – schmerzlicher Protest gegen die stumme Gewalt des alles auslöschenden Todes (…) wird kaum länger dauern als die Erinnerung in den Herzen der von ihr Beschenkten, die wissen, daß ihre Kunst, die Krone einer entkrönten Zeit, würdig war, so lange fortzuleben, wie überhaupt das Erinnern an eine Kunst dieser abendländischen Kultur.“

Duse_GulbranssonDer Karikaturist Olaf Gulbransson schrieb: „Ich habe sie bloß einmal gesehen, als ‚Hedda Gabler‘ im Schauspielhaus 1904. Es war, als ob das Schauspiel in ihr Vollendung und Ende gefunden hätte.“ Sein Portrait der Künstlerin wurde aus dem Gedächtnis für diese Huldigung nachgezeichnet.
Doch schon den „Beschenkten“ hat sie es offenbar nicht leicht gemacht.
Hermann Bang beklagt in seinem Buch „Menschen und Masken“ „das Gefühl der Ohnmacht, diese Kunst ganz und voll in sich aufzunehmen (…), während wir versuchen, uns zu sammeln, und uns zumute ist, als wäre ein bedeutungsvolles Ereignis in unserem eigenen Leben vorgefallen.“
Gerhart Hauptmann, obschon selbst ein Mann des Wortes, drückte es knapper aus: „Sie war die Kunst selbst.“

Nach dem Ableben der Duse (Sarah Bernhardt und Réjane waren schon vor ihr gegangen) dämmerte das Zeitalter der Massenmedien herauf, doch die Schauspielerei blieb zunächst noch eine weitgehend flüchtige Kunst. Das Kino war zwar bald in der Lage, zumindest deren optische Ebene einzufangen, aber es fehlte noch am historischen Bewußtsein.
Die erste Sexgöttin des Kinos, Theda Bara, drehte etwa 40 Filme, von denen heute nur noch drei existieren, zuzüglich einiger Fragmente.
Der größte Bühnenstar der Weimarer Republik war Fritzi Massary. Sie wiederum lehnte es ab, in den eben aufkommenden Tonfilmoperetten mitwirken, um die Spuren ihres Alters, die sich auf der Bühne recht gut überspielen ließen, dem scharfen Blick ihrer Verehrer nicht auszusetzen. Von ihr existieren immerhin zahlreiche Schellack-Plattenaufnahmen und eine Unzahl von Augenzeugenberichten, die sie sie als die (und das) Allergrößte ausweisen – flapsig könnte man sagen als die Duse der Leichten Muse.
Aber mit solchen Assoziationen muß man vorsichtig sein.
Charlie Chaplin bezeichnete einmal Sophia Loren als „die Duse des 20. Jahrhunderts“ und wurde dafür heftig kritisiert.
Ruhe ist eingekehrt. Nun ist niemand mehr da, der dieses Streitgespräch führen könnte.

Dieser Beitrag wurde unter Medienphilosophie, Theater abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>