Miss Froy und das Paranoia-Kino

betr.: 99. Geburtstag von Jack Arnold / Neues Hörbuch von Jens Wawrczeck im November: „Eine Dame verschwindet“ in der Serie „Vor Hitchcock“ (Edition Audoba)

Unter einem Beitrag zum Paranoia-Kino versteht man klassischerweise die Horror- und Science-Fiction-Filme der frühen Tage des Kalten Krieges in den USA: gezeigt werden außerirdische Invasionen bzw. entwichenes Laborgetier, das vor der Kulisse einer Wüstenstraße zu furchterregender Größe empormutiert. Obwohl wir heute wissen, dass sich hier ein ernstes Thema ausdrückt (die Sorge des amerikanischen Kinopublikums vor kommunistischer Unterwanderung oder –werfung) sind das sehr kuschelige Filme. Die wichtigsten und kuscheligsten hat Jack Arnold inszeniert, der in den 90er Jahren hierzulande als unterschätzter Großmeister wiederentdeckt und gewürdigt wurde.

Etwas unbehaglicher sind jene Paranoia-Pictures, in deren Zentrum eine einzelne Person steht – fast immer eine Frau –, der niemand ihre Geschichte glaubt (außer dem Zuschauer natürlich). Sie warnt nicht etwa vor einer allgemeinen Bedrohung wie die Kassandra der Antike oder der junge Kevin McCarthy in „Invasion Of The Body Snatchers“, sie ist auf sehr persönliche Weise in die Sache verwickelt, die da niemand hören möchte. Und stets stellt sich am Ende heraus, dass einige, die ihr angeblich nicht glauben wollten, nicht ganz aufrichtig waren.
Zuletzt hat sich (wenn ich nicht irre) Jodie Foster als verzweifelte Mutter in „Flightplan“ in dieser Lage befunden, Carol Lynley war in „Bunny Lake Is Missing“ auf dem Boden damit befasst, auch Ingrid Bergman im „Haus der Lady Alquist“ gehört in diese Reihe.

Der Klassiker nach diesem Muster, seine definitive Realisation aber ist „The Lady Vanishes“ von Alfred Hitchcock. Dieser Film war nicht nur ein gewaltiger Erfolg, er gilt auch heute noch als Spitzenleistung des frühen britischen Tonfilms und des jungen Hitchcock. Wie dieser Francois Truffaut erklärte, geht der Plot bzw. die Erzählung von Ethel Lina White auf einen realen Fall zurück. – Es kann sich hier auch um eine Großstadtlegende handeln.
Um 1880, im Zuge der Weltausstellung und der Errichtung des Eiffelturms, beherbergt Paris besonders viele ausländische Gäste. Eine Inderin ist mit ihrer Mutter angereist. Die fühlt sich unwohl und wird von einem Arzt untersucht. Man schickt die Tochter fort, um Medikamente zu kaufen. Als sie zurückkommt, ist ihre Mutter verschwunden, und das Hotelzimmer wird von anderen Leuten bewohnt. Keiner will sich an die Dame erinnern können – und auch nicht an das Mädchen mit den Medikamenten. Der Arzt hatte bei der Untersuchung nämlich festgestellt, dass die Frau an der Pest erkrankt war. Um ein allgemeines Aufsehen zu vermeiden, hatte man sie heimlich fortgeschafft.
Hitchcock liebte diesen Stoff so sehr, dass er ihn mit seiner Tochter Patricia fürs Fernsehen noch einmal realisierte. Auch der Film „So Long At The Fair“ mit Jean Simmons orientiert sich an den Ereignissen aus Paris, während 1979 noch ein Remake von „The Lady Vanishes“ entstand. Leider verlegte Regisseur Anthony Page die Handlung aus Hitchcocks Operetten-Balkan ins Bayern der späten 30er Jahre. Dieser grimme historische Hintergrund läßt die Unglaubwürdigkeit der launigen Agentenstory, mit der Hitchcock so souverän gespielt hatte, zu einem Problem werden. Eine andere Schwierigkeit ist weniger leicht zu vermeiden: es ist verdammt schwer, einen gleichzeitig spannenden und heiteren Film zu machen – auch wenn das bei Hitchcock immer so mühelos aussieht.

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2 Antworten auf Miss Froy und das Paranoia-Kino

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