Oscar Wilde und die Musik

betr.: 161. Geburtstag von Oscar Wilde

Robert Morley war stolz darauf, Oscar Wilde gleich zweimal historisch verkörpert zu haben: als erster auf der Bühne und als erster auf der Leinwand. Diese Lesart sei dem köstlichen britischen Komödianten zugestanden, aber sie übersieht den Umstand, dass es schon im Jahre 1881 – also noch zu Wildes Leb- und Glanzzeiten – eine Operette gab, deren Held Bunthorne ihm ausdrücklich nachgebildet war*. Die Show hieß „Patience“ und stammte von Gilbert und Sullivan, den größten Brit-Poppern des 19. Jahrhunderts. – Mr. Morley hat übrigens auch William Schwenck Gilbert auf der Leinwand dargestellt.

Oscar Wilde, der unsterbliche Komödienklassiker, war derart erfolgreich und – seinem exzentrischen, effeminierten Auftreten zum Trotz – ein solcher Liebling des Publikums, und er wurde derart bejubelt, wenn er am Ende einer Vorstellung vor den Vorhang trat, dass er allen Ernstes glaubte, die öffentliche Meinung herausfordern zu können. Das hat ihm die Viktorianische Gesellschaft dann doch nicht durchgehen lassen. Wofür er letztlich ins Zuchthaus gesteckt und als Mensch vernichtet wurde – wegen seiner Homosexualität oder wegen der Dreistigkeit, sie als Antwort auf eine Kränkung so offen herauszuposaunen, es ist im Nachhinein schwer zu sagen.
Anfang der 1880er war seine Welt jedenfalls noch in Ordnung. Produzent Richard D’Oyly Carte schickte ihn auf Lesereise in die USA, um damit für das dort ebenfalls startende Stück „Patience“ zu werben. Bei Wildes Einreise kam es zu einem seiner legendären Apercus. Auf die Frage, was er zu verzollen habe, antwortete er: „Nichts, außer meinem Genie.“
Aber – wie gesagt – ausdrücklich schwul durfte der Wilde-Charakter nur im Libretto sein, nicht in der Inszenierung. Warum Mr. Bunthone die ihn anhimmelnden Mädchen nicht beachtet – so auch die Titelfigur, das Milchmädchen Patience – wird nicht erklärt. Die Operettensängerin Joan Lawrence, die als 19jährige in die originale Produktionsgesellschaft dieser Operette eintrat, die D’Oyly Carte Opra Company, erinnert sich, dass noch am Vorabend der Swinging Sixties niemand in der Company „auf die Idee“ kam, „dass ‚Patience‘ etwas mit Homosexualität zu tun haben könnte. Das war überhaupt kein Thema. Darüber wurde nicht einmal im Spaß gesprochen. (…) wir ‚lovesick maidens‘ haben uns 1957 nie gefraggt, warum Bunthorne uns eigentlich nicht wollte. Wir liefen ihm einfach nach, gedankenlos. (…) Doch er (…) ignorierte uns und lief in seinem lilafarbenen Samtanzug und mit der Lilie in der Hand weiter und weiter.“**

Im Jahre 2002 nahm sich ein Musical erneut des Themas an. „A Man Of No Importance“ von Stephen Flaherty und Lynn Ahrens spielt im Jahre 1964 und beschreibt eine Bühnenproduktion von „Salome“ in Dublin. Oscar Wilde tritt als Ratgeber des Helden Alfie auf – so wie Humphrey Bogart in „Play It Again, Sam“ – und darf seine berühmten Einzeiler erneut anbringen.
In der Zwischenzeit wird auch „Patience“ etwas vorbildgetreuer inszeniert – die Copyrights sind mittlerweile ausgelaufen, und die D’Oyly Carte Opra Company kann solches nicht verhindern.
Aber bis heute gibt es in den Gilbert-&-Sullivan-Onlineforen ergebene Fans, die den Helden von „Patience“ gerne für einen Hetero halten und einen Satz wie „I’m an ultra-poetical super-asthetical, Out-of-the-way young man“ nicht analysieren möchten.

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* Bunthorne wurde in der Premierenversion von Henry Lytton gespielt, der auf historischen Fotos, die ihn in der Rolle zeigen, keineswegs maskulin aussieht.
** … wie sie im Buch „Glitter And Be Gay“, MännerschwarmVerlag 2007, berichtet.

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