Klaus Kinski ist doof

betr.: 89. Geburtstag von Klaus Kinski

„Ich habe das Drehbuch fast vollständig mit der linken Hand getippt, mit der rechten musste ich einen Betrunkenen abwehren, der sich schließlich auch über einen Teil der geschriebenen Seiten erbrach.“

Werner Herzog über seinen ersten Film mit Klaus Kinski

Es gab einmal eine Zeit, da war nichts leichter, als die bürgerliche Gesellschaft zu schockieren. Ich spreche von der frühen Bundesrepublik.
Hätte damals der Gast einer Talkshow – das waren seltene, große Ereignisse, die von Millionen gesehen wurden – „Pimmel“ oder „Scheiße“ gesagt, es wäre mindestens vierzehn Tage lang erbittert in der Presse nachverhandelt worden, und nicht wenige CSU-Politiker oder Kirchenfunktionäre hätten – allen Ernstes! – die generelle Abschaltung des Deutschen Fernsehens gefordert.
In jenen Tagen erkannte ein junger Künstler namens Klaus Kinski, welche Publicity sich aus diesem Szenario schlagen läßt.
Im Nachhinein muß es uns verwundern, dass es ihm nicht andere nachgemacht haben – Kinski war ein Unikum.
Seine schauspielerische Leistung hätte zu keiner Zeit – nicht einmal zu seinen vergleichsweise ambitionierten Anfängen – den Rummel, geschweige den Nachruhm gerechtfertigt, der ihm zuteilwurde. In einem Edgar-Wallace-Film düster aus der Wäsche zu kucken, mag der Situation angemessen sein, mag sich als bestimmender Faktor eines kruden nostalgischen Kultes herausstellen – eine Leistung ist es nicht.
Regelmäßig durch Kellner-Beleidigungen, Sachbeschädigung oder kalkulierte Bildschirm-Ausfälle aufzufallen, ist unbedingt (je nach Organ und Ressort) nachrichtenwürdig – aber doch bitte nicht im Feuilleton!
Einen ungewaschenen, zauseligen, selbstmitleidigen Kotzbrocken zu spielen, kann großartiges Handwerk sein – wenn man nicht ohnehin einer ist.
Wie gesagt: das Publikum war damals derart piefig und zugeknöpft, da war Kinskis Betragen so etwas wie ein Hauch von Hollywood.
Den Effekt bemerkend, gab Kinski der derangierten Schmutzwurst immer mehr Zucker, bis ihm die Grimasse irgendwann zum wahren Gesicht wurde. Wer das in seinen späten Jahren noch als Schauspielerei mißverstand, nahm ungewollt die Perspektive des Besuchers einer Freakshow der Jahrhundertwende ein, der sich wohlig gruselt beim Anblick zweiköpfiger Zwerge und bärtiger Damen.

Noch Jahrzehnte nach Kinskis Tod rissen die stockbetroffenen Heiligsprechungen seiner Eseleien im billigen Koproduktionskino und in dem einen oder anderen Autorenfilm nicht ab.
Sogar sein letztes Radiointerview – in dem sich der Weltstar als rauschmittelsatte Heulsuse aufführt, die einem verlegen kichernden Radio-Praktikanten erklärt, wie beschissen diese Welt zu ihm war – gilt gewissen schlichten Gemütern als Beleg für ein gelebtes Leben, für das Rauschhafte des Künstlerdaseins an sich.

Doch dann geschah ein zweischneidiges Wunder!
Vor knapp drei Jahren bekannte Pola Kinski in ihrer Autobiografie „Kindermund“ und in einigen begleitenden Fernsehauftritten, von ihrem Vater über 14 Jahre lang sexuell missbraucht und vergewaltigt worden zu sein.
Prompt hörte das Klaus-Kinski-Hosianna-Gequatsche auf.
Nicht aus dem richtigen Grund, aber was soll’s: es ist einstweilen ausgestanden.

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