„Wir hatten die Eier dazu“

betr.: 55. Todestag von Mack Sennett

Der Begriff Slapstick kommt aus dem Kasperltheater. Es bezeichnet diese fächerartige Konstruktion, mit der sich die Figuren gegenseitig schlagen. Sie ist kaum geeignet, Schmerz zu verursachen (immerhin stecken ja menschliche Hände in den Puppen), erzeugt beim Niedersausen aber einen schmatzenden Laut, der dem Publikum sagt: Erwischt! – und der schon auch ein wenig demütigend klingt.
Insofern hat sprachliches Feingefühl bewiesen, wer auf die Idee kam, diesen Ausdruck für jene physische Art des Komödienkinos zu verwenden, deren typisches Wurfgeschoß bis heute die Sahnetorte ist: körperlich ungefährlich, aber maximal ggeignet, die Würde des Ge- und Betroffenen zu vernichten.

In der frühen Zeit des Films war der Slapstick aus mehreren Gründen ein wichtiger Inhaltsstoff. Zunächst einmal war Körperlichkeit sehr allgemeinverständlich, sie war publikumswirksam, als es komplexere Dialoge noch nicht geben konnte und Handlung nicht unbedingt geben mußte. Er ließ sich auch gut umsetzen, denn die Kameras waren beweglich (da noch ohne Ton-Equipment unterwegs) und die Bedenken, ein Darsteller könnte sich den Hals brechen, noch nicht sehr ausgeprägt. Außerdem war Film damals noch nicht abendfüllend – die Werke dauerten in der Regel „einen Akt“ (etwa 10 Minuten), also so lange, wie eine Filmspule lief – und wurde noch nicht in Theatern konsumiert, sondern in besseren und weniger guten Jahrmarktbuden, in einer Umgebung also, die schon immer auf Bewegung und drastische Effekte setzte.

Mack Sennett war der wichtigste Produzent solcher Filme. Mit Kunst hatte das nichts zu tun, auch wenn einige der Protagonisten dieser Zeit heute zu recht als große Künstler gelten. Das trifft vor allem auf Charles Chaplin zu, der bei Sennett seine ersten Auftritte hatte und früh begriff, dass er sein eigenes Unternehmen gründen mußte.
Sennett wurde 1974 zum Helden des Musicals „Mack And Mabel“. Sein schmissiges Auftrittslied „Movies Were Movies“ bringt all die Zutaten zusammen, die das Sahnetortenkino ausmachten:

Kino war noch Kino, als die Leute einen Dime bezahlten,
um mal aus dem Alltag herauszukommen,
dem Helden zujubelten und den Mann im Cape anfauchten.

Romanze, Action und Spannung – Leute, die Hollywood Hills waren eine Goldgrube.
Ein Dutzend schusseliger Cops in einer wilden Verfolgungsjagd,
ein sicherer Lacher durch eine Torte in einem Gesicht,
Mädchen, die züchtig am Strand in einer Reihe posieren,
Banditen, die einen Zug angreifen,
ein kleiner Tramp mit Spazierstock –
Kino war noch Kino, als ich im Showgeschäft was zu sagen hatte!

(Die Nummer ist im englischen Original in einer illustrierten Version unter https://www.montyarnold.de/werkschau/shorts/ zu sehen.)

Eine der genannten klassischen Zutaten hat Sennet selbst erfunden: die weltberühmte trottelige Polizistentruppe, die Keystone Kops. Deren Dienstkleidung ist übrigens echt. Als die Polizei von Los Angeles neue Uniformen einführte, besaß Sennett die Geistesgegenwart, sich die alten aushändigen zu lassen.
Niemand fürchtete Amtsanmaßung, kein Pressesprecher sorgte sich um den guten Ruf der Polizei. Es waren herrliche Zeiten für Komödianten, die sich bis heute in den betreffenden Filmschnipseln erhalten haben.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Kabarett und Comedy, Medienkunde, Musicalgeschichte abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf „Wir hatten die Eier dazu“

  1. Pingback: Broadway's Like That (60): Ein geliebter Reinfall - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>