Der Song des Tages: „Rawhide“

betr.: 36. Todestag von Dimitri Tiomkin

Wir erinnern uns: „Rawhide“ ist jener Song, den die „Blues Brothers“ vortragen, um eine Horde musikwissenschaftlich unterentwickelter Hillbillies vom Schmeißen weiterer Bierflaschen abzuhalten. Die Rechnung geht auf.
Übler wurde selten einem verdienten Schlager mitgespielt – allenfalls in „Mars Attacks“, wo der „Indian Love Call“ aus der Operette „Rose-Marie“ die Schädel der außerirdischen Invasoren zerplatzen läßt, mit der puren Kraft seiner Schauerlichkeit.
Bis dahin war „Rawhide“ ein solider Hit gewesen, wenn auch die Arbeit eines umstrittenen Mannes.

Eine gute Idee zu haben, reicht nicht. Man muß sie auch noch so gut umsetzen, dass sie (kommerziellen) Erfolg hat und ein großes Publikum erreicht. Erst dann kann diese Idee unter Umständen etwas bewegen, und es kann sich ein Phänomen daraus entwickeln. Insofern ist Dimitri Tiomkin der Erfinder des Filmsongs, also des Popsongs mit eigenem Film drumherum. (Eher zufällige Beispiele der 40er Jahre wie „As Time Goes By“ oder „Laura“ waren sozusagen One-Hit-Wonders geblieben.)
Der Filmsong – eine Pop-Untergattung, die heute hauptsächlich in der James-Bond-Reihe weiterlebt – war in den 50er und 60er Jahren wichtiger Bestandteil der Hollywoodfilmvermarktung. Schuld war Tiomkin, der – obwohl Russe – ausgerechnet im Westerngenre zu einem zuverlässigen Hitlieferanten aufstieg (- wenn auch nicht nur dort). Schon der Durchbruch war ein Western-Song gewesen: „High Noon“.

Besonders freigiebig schüttete Dimitri Tiomkin seine Gaben aber in einem anderen klassischen Edelwestern aus, in „Rio Bravo“. Da war zunächst einmal der Titelsong, der im Vorspann nur instrumental erklingt und den Dean Martin, einer der Hauptdarsteller, am Ende kurz ansingt, um ihn auf einer gut verkauften Single komplett abzuliefern.
In einer Kampfpause singt er gemeinsam mit Ricky Nelson „My Rifle, My Pony And Me“. Die Schallplattenversion mußte aus rechtlichen Gründen ohne Nelson auskommen. Hier wurde Dean Martin von einem kleinen Herrenchor unterstützt.
Zusätzlich gibt es noch einen instrumentalen Ohrwurm, der von den Bösewichtern des Films als Todesmelodie gespielt wird und somit zur source music* gehört. Es ist das Trompetenmotiv „De Guella“, das ebenfalls auf vielen Schallplatten auftauchte. (Soundtrack-Alben waren damals noch recht unüblich.)
Und dann findet sich noch ein Liebesthema für John Wayne und Angie Dickinson in der Partitur, zwei recht burschikose Charaktere. Folglich ist die Melodie leise und lakonisch – allzu süßliche Geigen hätten nicht zu einem Paar gepasst, das sich erst buchstäblich auf den letzten Filmmetern findet.

Während vielen sinfonischen Soundtrack-Komponisten das Abliefern solcher Ohrwürmer nicht lag, prahlte Tiomkin – der diese Unsitte nicht nur losgetreten hatte sondern auch weiterhin von ihr profitierte und zum bestbezahlten Komponisten in Hollywood aufstieg – mit vier Tunes in einem Film!
So macht man sich unbeliebt!

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* Im Gegensatz zum undersocring bezeichnet der der Begriff source music jene Musik, die auch von den Figuren im Film gehört wird, also z.B. Kofferradios oder Tanzkapellen.

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Eine Antwort auf Der Song des Tages: „Rawhide“

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