Der Song des Tages: „Das Scharfrichtercouplet“

betr.: 179. Geburtstag von William Schwenck Gilbert / „Der Mikado“ / Liedübersetzung

Eine verbreitete feuilletonistische Weisheit besagt, dass jede Generation das Anrecht auf eine eigene Übersetzung relevanter Werke der Literatur habe. Aus dieser ehrenhaften Forderung spricht nicht eben großes Vertrauen in unsere Übersetzer, zumal die Originale ja auch nicht regelmäßig umgeschrieben werden können.
Aber es erfahren ohnehin nur die ganz großen Klassiker diese enorme Würdigung – Shakespeare etwa oder der gut ein Dutzendmal allein ins Deutsche übersetzte Leo Tolstoi.

Auch im Musiktheater ist es eine besondere Ehre, wenn es nicht bei einer Übersetzung bleibt, besonders in der Leichten Muse. Entweder – das ist die Ausnahme – wird die erste Fassung als ungenügend betrachtet und deshalb eine weitere vorgelegt (wie z.B. bei der englischen Sprachfassung der „Dreigroschenoper“), oder es ist wie in der Literatur: das Werk wird immer wieder gern gegeben und genossen. Hierzulande dürfte das Cole-Porter-Musical „Kiss Me Kate“ den Rekord halten.

Die Operetten von Gilbert & Sullivan (zur Zeit ihrer Entstehung noch als Opern angesehen) stehen nicht ganz so zuverlässig auf dem heutigen Spielplan, doch auch sie haben sich als beständig erwiesen. Es waren satirische Werke, die den Unwuchten ihrer Zeitläufte antworteten. „Der Mikado“ von 1885 würde heute als Ensemblekabarett durchgehen – wären da nicht diese betörend wohlklingenden Kompositionen für klassische Gesangstimmen. Er brachte es in den ersten drei Jahren auf 9000 Aufführungen und wurde in den meisten westlichen Ländern gespielt (auf Deutsch erstmals 1886 in Wien).

Der Mikado herrscht um 1450 über das japanische Titipu, einen typischen Operettenstaat. (Dieser geläufige Begriff für einen geografischen Platzhalter ist ein Beleg dafür, wie unverschämt und zeitkritisch die Operette in ihrer Frühzeit gewesen ist.) Er ist ein gräßlicher Tyrann, doch diese Bewertung bleibt dem Betrachter überlassen, denn der Herrscher selbst hält sich für milde, gerecht und weise. (Es müßte recht erhellend sein, sich das Werk noch einmal vor dem Hintergrund der haarsträubenden Verhältnisse anzuhören, die in seiner Entstehungszeit geherrscht haben, dem Viktorianischen Zeitalter.)
Der zum Scharfrichter ernannte Kimonoschneider Ko-Ko ist eine nur wenig angenehmere Erscheinung. Dennoch hat er gleich zwei Auftrittslieder. Das zweite, „As some day it may happen“, wurde auch als „List Song“ oder „Scharfrichtercouplet“ bekannt. Der frisch gebackene Lordoberscharfrichter soll die enthaupten, die sich beim Flirten haben erwischen lassen, doch er hat sogleich eigene Vorstellungen, wen er noch aus dem Weg räumen sollte.
Dieses ist der Text, den William Schwenck Gilbert seinem Kollegen Arthur Sullivan – wie überhaupt das gesamte Libretto – zur Vertonung vorlegte.

List Song
Text: W. S. Gilbert, Musik: A. Sullivan

Ko-Ko:
As some day it may happen that a victim must be found,
I’ve got a little list — I’ve got a little list
Of society offenders who might well be underground,
And who never would be missed — who never would be missed!
There’s the pestilential nuisances who write for autographs —
All people who have flabby hands and irritating laughs —
All children who are up in dates, and floor you with ’em flat —
All persons who in shaking hands, shake hands with you like that —
And all third persons who on spoiling tête-á-têtes insist —
They’d none of ’em be missed — they’d none of ’em be missed!

Chorus:
He’s got ’em on the list — he’s got ’em on the list;
And they’ll none of ’em be missed — they’ll none of ’em be missed.

Ko-Ko:
There’s the banjo serenader, and the others of his race,
And the piano-organist — I’ve got him on the list!
And the people who eat peppermint and puff it in your face,
They never would be missed — they never would be missed!
Then the idiot who praises, with enthusiastic tone,
All centuries but this, and every country but his own;
And the lady from the provinces, who dresses like a guy,
And who „doesn’t think she dances, but would rather like to try“;
And that singular anomaly, the lady novelist —
I don’t think she’d be missed — I’m sure she’d not he missed!

Chorus:
He’s got her on the list — he’s got her on the list;
And I don’t think she’ll be missed — I’m sure she’ll not be missed!

Ko-Ko:
And that Nisi Prius nuisance, who just now is rather rife,
The Judicial humorist — I’ve got him on the list!
All funny fellows, comic men, and clowns of private life —
They’d none of ’em be missed — they’d none of ’em be missed.
And apologetic statesmen of a compromising kind,
Such as — What d’ye call him — Thing’em-bob, and likewise — Never-mind,
And ‚St— ‚st— ‚st— and What’s-his-name, and also You-know-who —
The task of filling up the blanks I’d rather leave to you.
But it really doesn’t matter whom you put upon the list,
For they’d none of ’em be missed — they’d none of ’em be missed!

Chorus:
You may put ’em on the list — you may put ’em on the list;
And they’ll none of ’em be missed — they’ll none of ’em be missed!

In Mr. Sullivans Klavierauszug sah das dann so aus:
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Zwei Übersetzungen dieses Kabinettstückchens wollen wir uns genauer ansehen.
1927 wurde „Der Mikado“ wieder einmal deutsch aufgelegt, in der Blüte der Berliner Glamourwelt mit ihren Varietés, Revuetheatern und Operettenbühnen. Der große Charakterkomiker Max Pallenberg spielte Ko-Ko, und Robert Gilbert schrieb die zeitgemäßen Texte.

Das Scharfrichtercouplet
Text: W. S. Gilbert, Musik: A. Sullivan, deutsch von Robert Gilbert

Wenn man die Leute köpfen soll und ist nicht informiert,
das ist ja selbst Verrat! Das ist ja selbst Verrat!
Drum hab ich hier im voraus mir so manchen aufnotiert,
um den’s wär gar nicht schad, um den’s wär gar nicht schad!
Für’s Erste kämen all die wilden Charleston-Tänzer dran!
Die hasse ich auf’s Herzlichste, weil ich nicht tanzen kann.
Auch wer ein Grammophon besitzt mit einer Platte nur
und diese eine Platte spielt von zwölf bis neunzehn Uhr.
Und dann die Weiber, die den Mann ruinier’n durch Putz und Staat –
um die ist gar nicht schad! Um die ist gar nicht schad!

Die Schwiegermutter, die der jungen Ehe Frieden stört,
die Köpf ich separat! Da kenn‘ ich keine Gnad‘!
Der Denunziant, der hinterbringt, was im Vertrau‘n er hört,
um den ist gar nicht schad, um den ist gar nicht schad!
Den Würdenträger, der mit Würde Geld für alles nimmt
und dieses Schmiergeld noch dazu nach Paris bestimmt.
Die Herren, die im Reichstag ganz gemütlich schlummern ein,
und wenn sie etwas sagen soll’n, dann sag’n sie „ja“ und „nein“.
Und der beim Skat als Kiebitz immer kommt mit falschem Rat,
um den ist gar nicht schad, um den ist gar nicht schad!

Die hochmodernen Maler, die so mal’n, als wär‘ man blind,
die köpf ich ohne Gnad‘ – ganz ohne Apparat!
Das Wasser mal’n sie dunkelrot und grün ein blondes Kind!
Um die wär gar nicht schad, um die wär gar nicht schad!
Die Komponisten, die ganz frech den Schubert annektier’n
und auf den „Troubadour“ ‘nen neuen Zopf draufkomponier’n.
Auch wer den Hamlet spielt im Frack und den Karl Mohr im Cut
und sterben läßt den König Lear in einem Messingbett!
Den Regisseur, der sich noch rühmt ob solcher Missetat,
den köpf ich ohne Gnad‘! Den köpf ich ohne Gnad‘!

1984, gewissermaßen zum 200. Geburtstag des „Mikado“, legte das Zürcher Schauspielhaus eine neue deutsche Fassung mit Texten von Dieter Bachmann vor. Wie in den vorangegangenen Bearbeitungen ist der Schauplatz das märchenhafte Titipu, doch die Lieder spielen im Hier und Jetzt. Man könnte auch sagen, das Stück ist wieder einmal in den 80ern angekommen.

Das Scharfrichtercouplet
Text: W. S. Gilbert, Musik: A. Sullivan, deutsch von Dieter Bachmann

Ko-Ko:
Wenn es einmal meine Pflicht wär, Kandidaten zu zitier’n,
ich wüßt‘ längst schon, wer das ist, setzt‘ sie alle auf die List‘!
Die Kanaken müßt‘ man packen und dann: zack, ab mit der Birn‘!
Und sie würden nicht vermisst! Nein, sie würden nicht vermisst!
So zum Beispiel jene Leute, die dich andauernd erzieh’n,
die Verkäufer, die beim Einkauf sich ein‘n Dreck um dich bemüh’n,
die Bornierten, die auf deinen Job verächtlich runterseh’n,
und die Leute, die im Tramzug gern auf deinen Füßen steh’n,
samt dem Fahrer, der dich höhnisch an der Halt‘stell‘ stehen läßt –
all die würden nicht vermisst! Nein, die würden nicht vermisst!

Chor:
Und er nimmt sie auf die List‘! Und er nimmt sie auf die List‘!
Und sie werden nicht vermisst! Und, sie werden nicht vermisst!

Ko-Ko:
Sieh den frechen Fabrikanten, der die Welt mit Gift versaut,
aber schwärm’risch Goethe liest – hab ihn auch schon auf der List‘!
Der auf Leistungssteigerung nur und auf noch mehr Konsum baut,
der Wirtschaftswachstumsfetischist hat ‘nen Ehr’nplatz auf der List‘!
Sieh die Sauberkeitsapostel, die Beton so sehr verehr’n,
dass sie den, der etwas draufsprayt sofort ins Gefängnis sperr’n!
Sieh den Fetten dort, den Baumolch, der die Altstadt an sich reißt
und sie auskernt und verschandelt und den Mieter noch be…
… Schau den Hager’n dort, den Vogel, den Betriebsrationalist –
all die würden nicht vermisst! Ach nee, die würden nicht vermisst!

Chor:
Und er nimmt sie auf die List‘! Und er nimmt sie auf die List‘!
Und sie werden nicht vermisst! Und, sie werden nicht vermisst!

Ko-Ko:
Der Politiker, der sagt, dass er für Frieden ist und Christ,
aber den, der nicht gern schießt, wie’n Verbrecher fest verschließt.
Alle, die da meinen, dass, wenn die Fassade glänzend ist,
man nicht sieht den ganzen Mist, der dahinter kräftig sprießt.
Ja, die Bürgerfrau, die heuchelt, dass ihr Sex ein Gräuel ist,
die verleumdet und die anzeigt, aber selbst die Schärfste ist.
Und des Bürgers Freund und Helfer mit dem Gummipfropfgewehr,
das er abschießt auf die Jugend, als sei die ein Lumpenheer.
Und ich selbst, der hier nur meckert, Schneider Ko-Ko mit der List‘,
ich würd‘ auch nicht sehr vermisst, nein ich nicht sehr vermisst.

Chor:
Setz‘ dich selber auf die List! Setz‘ dich selber auf die List!
So ein Sadomasochist! So ein Sadomasochist!

Ko-Ko:
Tja, da gibt’s noch ein Kapitel, das man besser gar nicht liest,
weil’s am Ende nur verdrießt … der steht auch schon auf der List‘.
Das Vertrackte am Theater, meine Damen und Herr’n, ist:
wenn’s Veränd‘rung sich verschließt, es bald nur Museum ist.
Soll’n die Bretter hier die Welt bedeuten, heißt’s, dass man erkennt,
wie die Welt jetzt weint, wie lacht und was ihr auf den Fingern brennt.
Aber bitte fordert nicht von uns das Kunst-Kolumbus-Ei.
Das besitzt allein die druckerschwarze Besserwisserei.
Freilich gibt’s da auch viel Windeier, das ist ja der Beschiß!
Und jetzt ham wer den Verriß! Und jetzt ham wer den Verriß!

Chor:
O jetzt ham wir den Verriß! O jetzt ham wir den Verriß!
Und wir werden nicht vermisst! Und wir werden nicht vermisst!

1986 kam „Der Mikado“ auch wieder auf die britische Bühne – passenderweise mit dem Monty-Python-Musikanten Eric Idle in der Rolle des Ko-Ko.

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