Ein Fall für den Archäologen

betr.: 54. Geburtstag von Gaby Köster / „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“

Wohl jeder von uns hat sich bei der Lektüre eines ausländischen Romans schon mal eine bessere Übersetzung gewünscht. Ich hatte dieses Gefühl vor vier Jahren ausnahmsweise bei einem Bestseller aus deutschen Landen: bei „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“, der Autobiographie der Kabarettistin und TV-Unterhalterin Gaby Köster.
Ihre Geschichte – die schwere Erkrankung einer beliebten Künstlerin und ihr mühevoller Weg zurück ins Leben – ist ein bewegender und relevanter Stoff.
Er wird jedoch in einem Stil verabreicht, der meinem Leseerlebnis beständig im Wege war. Aus dem verständlichen Wunsch heraus, dem Publikum möglichst viel von der sprungbereiten Kodderschnauze zu erhalten, die sie in mehreren Soloprogrammen und TV-Formaten so erfolgreich verkörpert hatte, und auch im Bestreben, angesichts eines solchen Schicksalsschlages nicht in pures Gejammer abzurutschen, tat sich Gaby Köster mit einem befreundeten Kollegen zusammen. Till Hoheneder stand ihr dabei zur Seite, den gewohnt frechen Ton auch in Buchform und auch bei einer ungewohnt ernsten Sache beizubehalten.
Ich war davor in einigen Kritiken gewarnt worden und hatte mir so etwas auch schon gedacht.
Aber Gaby Kösters Abenteuer in der Blütezeit des Kölner Privatfernsehens (die ich aus anderer Perspektive miterlebt habe) und eben auch ihre eigene Geschichte wollte ich mir dann doch nicht entgehen lassen.
Ich fand das Gesuchte und Erhoffte unter Unmengen rasch gefertigter Kalauer nach Schema F begraben: das „Chaos, das (…) wie ein besoffener Tsunami durch mein verwüstetes Hirn bretterte“, „so sinnvoll (…) wie Free Willy das Brustschwimmen fürs Seepferdchen-Abzeichen abzunehmen“, „so beweglich wie der halbverdaute Ötzi im Gletscherkühlschrank“, „ein Krach in der Bude, als ob Godzilla leicht angefressen durch die Halle stampfte“ … – immerfort geht das so, unzählige davon, Seite für Seite.
Vielleicht wären es ohne die Mitarbeit von Till Hoheneder noch mehr geworden.

Auch der kecke, selbstaufmunternde Titel erweist sich, hat man das Dickicht der Pointenversuche erst einmal beiseitegeschoben, als – sagen wir es so: tragische Ironie. Denn ein Schupfen reichte eben nicht, um die auf Hochtouren ackernde Comedy-Heldin zum Innehalten zu bewegen. Sie beschreibt einige der verstörenden Warnsignale, die ihr der eigene Körper frühzeitig gesendet hat, und wie sie diese in den Wind schlug. Sogar ein eiliger Urlaub (kurz vor dem Zusammenbruch, wie sich herausstellen wird), ist eher eine Quelle des fortwährenden Zeterns und Keifens als eine Erholung und wird in dem gleichen anklagend-ärgerlichen Ton geschildert wie unschöne Produktionsumstände u.ä.

„Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ ist eine Parabel, der man noch mehr Leser wünschen möchte.
Und vor allem eine gute Übersetzung.

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Eine Antwort auf Ein Fall für den Archäologen

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