Gänsefüßchen mit Weglaufsperre

betr.: 93. Geburtstag von Stan Lee / Künstlernamen

In Frankreich hat es Tradition, dass Künstlernamen nur aus einem Wort bestehen dürfen. Nicht nur Filmschauspieler (Bourvil) und Chansongrößen (von Mistinguett bis Adamo), auch Literaten hielten es mitunter so – wobei „die Colette“ außerdem Wert auf den vorangestellten bestimmten Artikel legte. Diese Namen klangen nicht nur wie private Spitznamen – was eine Art persönliche Nähe zum Publikum verströmte – sie waren mitunter auch solche, wie z.B. bei Fernand Contandin, der von den Eltern seiner Freundin immer „le Fernand d’elle“ („ihr Fernand“) genannt wurde und seinen Landsleuten später als Fernandel, mir und meinen Altersgenossen als rauflustiger Dorfpfarrer „Don Camillo“ ein Begriff war.
Die kokette Beschränkung auf einen alleinstehenden Namen überbrachte aber auch die selbstbewußte Botschaft: „Sie wissen schon …“
Im heutigen internationalen Showgeschäft leisten sich das nur noch wenige mutige Damen (Madonna, Adele …), ältere männliche Vertreter (Manolito, Cantinflas …) sind inzwischen vergessen.

Unser letztes einheimisches Beispiel für solche Kühnheit war der keiner Erläuterung bedürfende Loriot – sieht man einmal von einigen unserer aktuellen Comic-Künstler ab, die die Idee der knappen Signatur, die gleichzeitig der ganze Name ist, von ihren wiederum französischen (und frankobegischen) Kollegen übernommen haben. (Und von jenen Musikern, die ihren bürgerlichen Namen vollständig geheimhalten möchten.)

Was aber tut man stattdessen, wenn man zwar einen lustigen öffentlichen Spitznamen hat, sich aber nicht traut, ihn allein stehen zu lassen, weil man dem eigenen Ruhm dann doch mißtraut? Man klemmt ihn zunächst zwischen Gänsefüßchen und dann in den bürgerlichen Namen ein (Michael „Bully“ Herbig, Waldemar „Waldi“ Hartmann …). Das ist nicht nur ein versehentlicher Ausdruck der Bescheidenheit, es deutet auch auf eine schlimme mediale Unsitte unserer Gegenwart hin: das Publikum wird für so doof gehalten, dass man es ihm vorsorglich gleich zweimal sagt. Besonders schmerzhaft wird es, wenn ein allseits bekannter Name nach vorn verlängert und die Gänsefüßchen nach hinten verschoben werden (Thomas „Fats“ Waller, Gustav Wilhelm Hermann „Bubi“ Scholz …) Wer etwas erreicht hat, braucht keine Gänsefüßchen mehr!

Wer ist eigentlich schuld an dieser knautschigen Schreibweise? Nun, „Schuld“ ist ein sehr großes Wort, zumal diese Methode vor vielen Jahren, weit fort von hier und in durchaus vergnüglicher Weise begonnen hat.
Zum allgemeinverständlichen Modell erhob Stan Lee den eingeklemmten Spitznamen, jener Stan Lee, der sich anschickte, seine Marvel Comics zu einer großen Marke zu machen.

Excelsior Stan

„Ein Aufschrei aus Millionen Kehlen“ oder Die Kunst des sprachlichen Pseudoprunks: Stan Lee begrüßt seine Leser zum Start der ersten systematischen Veröffentlichung der deutschen Marvel Comics im Williams Verlag (1974).

Zunächst war es ihm ein sympathisches Anliegen, alle an seinem immensen Output beteiligten Künstler zu Beginn jeder Geschichte namentlich zu nennen.(Wie wir wissen, haben das nicht alle Comic-Patriarchen so gehalten!*)
Lee tat das zunächst in Form der vergnüglichen quasipathetischen Umschreibungen, die ihn auch als Autor kennzeichneten: „Unglaubliche Geschichten von Stan Lee! Unvergleichliche Zeichnungen von Jack Kirby! Triumphale Tusche von Joe Sinnott! Unumgängliches Lettering von Artie Simek!“ Es folgte ein Übergangsmodus mit fruchtigen Adjektiven vor den Namen der Künstler („Jolly Jack Kirby“, „Jazzy Johhny Romita“ oder „Sturdy Steve Ditko“), bis sich schließlich die Rang-includierende Maxi-Version durchsetzte, hier allerdings noch mit eingeklammertem Mittelteil: „Stan (The Man) Lee“, „Jack (King) Kirby“ oder „Gil (Sugar) Kane“.
Und schon hatte der Meister wieder einen Trend in die Welt gesetzt! Nebenbei!
’nuff said!

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* Walt Disney zum Beispiel nicht – siehe dazu den Blog vom 27. März 2015 – und Rolf Kauka nur äußerst ungern.

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Eine Antwort auf Gänsefüßchen mit Weglaufsperre

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