Going West! (3) – Der Fall „Heaven’s Gate“

betr.: Ausstellung „Going West!“ im Wilhelm Busch Museum Hannover* / Fortsetzung vom 15.1.

In seinem Ausstellungskatalog „Going West!“ schildert Alexander Braun mit einer Fülle von Bildmaterial die Darstellung des amerikanischen Gründungsmythos im Comic. Dem vorangestellt ist ein Kapitel über die tatsächlichen Vorgänge im Wilden Westen und ihre meist geschönte Nacherzählung auf der Leinwand. Heute wird die Geschichte von „Heaven’s Gate“ erzählt, einem Riesenflop, der es dennoch zu großem Nachruhm gebracht hat.
Der Schauspieler Joseph Cotten hat in diesem Mammutwerk seinen letzten Leinwandauftritt. Er betrachtete ihn noch kurz vor seinem Tode rein unter dem Gesichtspunkt einer verunglückten Abschiedsvorstellung: „Nun, dieser Film (…) war eine (…) Katastrophe. Der Himmel helfe ‚Heaven’s Gate‘. Das beste wäre, wenn der Himmel seine Tore öffnete und diesen Film hinleinließe … und niemals wieder hinaus.“
Der folgende Text erscheint hier als Serie mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Das große Nichts (3)
von Alexander Braun

Manifest Destiny
Über den in Berlin geborenen und die meiste Zeit seines Lebens in Brooklyn / New York lebenden Maler John Gast ist kaum etwas bekannt. Sein populärstes Gemälde „American Progress“ gab der Idee der »Manifest Destiny« bildlichen Ausdruck: Landnahme und Vertreibung der Ureinwohner als Erfüllung der Vorsehung. Wenn die Zivilisation Einzug hält, muss das vermeintlich Primitive (= Indianer und Bisons) weichen.***

Und jene, die das vermeintlich große Abenteuer noch vor sich hatten, charakterisierte der britische Schriftsteller Jonathan Raban 1996 in seinem Buch „Bad Land“ als im Zustand der Zuversicht von Todgeweihten: »Bücher und Zeitungen hatten ihnen gesagt, sie seien zu einem großen Experiment aufgebrochen, das, wenn sie hart arbeiteten, nur gelingen könnte. Die Männer am Pflug, mit der Säge in der Hand oder vor der Tür des gerade fertiggestellten Hauses stehend, tragen dasselbe breite, zahnlückige Grinsen vor der Erfindung der Kieferorthopädie. (…) Es ist dasselbe Grinsen, das man auf den Gesichtern von jungen Männern in Uniform sieht, aufgenommen, als sie auf die Gangway zum Truppentransporter treten, der sie 1914 nach Flandern bringen wird. Sie blödeln herum. Es wird schon gut gehen.« Aber es ging nicht gut – in dem einen Fall so wenig wie in dem anderen.

Noch 1909, als eine Kommission zur Untersuchung der Situation des Landlebens ihre Studie Präsident Roosevelt vorlegte, war das Bild, das sie zeichneten, ein düsteres. Der unablässige Strom von Menschen, der mit haltlosen Versprechen gen Westen geleitet worden waren, hatte tatsächlich mehr schlecht als recht das Land erschlossen. Dafür ging jetzt in der zweiten und dritten Generation die zweifelhafte Saat ihrer Isolation auf und die Landbevölkerung ließ sich nur schwer in ein allgemeingesellschaftliches Sozialsystem oder Fortschrittskonzept einbinden. Der Preis, sich auf der eigenenScholle behauptet zu haben, war so hoch gewesen, dass niemand mehr freiwillig vonseinem Radikal-Individualismus lassen wollte. Die Regierungsbeauftragten stießen dort draußen ebenso auf enthusiastische Religionslosigkeit wie auf Sekten, sektiererische Privatkulte und unkooperative Eigenbrödler. Die meisten der Kreisbeamten, die geschickt wurden, das Landleben der USA neu zu strukturieren, waren so zum Scheitern verurteilt.

Darstellen lässt sich diese tatsächliche Geschichte des Westens nicht. Zu sporadisch existieren wahrhaftige Bilder und zu mächtig wirkt der inszenierte Mythos nach. Alle Versuche einer realistischen Visualisierung sind bislang gescheitert – nicht zuletzt, weil das große (insbesondere amerikanische) Publikum nichts wissen will von dieser seiner eigenen Geschichte, die sich so diametral zum selbst entworfenen Bild von Pioniergeist, Freiheitsliebe und Gemeinschaftssinn der Gleichen unter dem Himmel von God’s own country verhält. Michael Cimino (geb. 1939) versuchte es 1980 in seinem epochalen Western „Heaven’s Gate“ und ruinierte damit nicht nur seine eigene Karriere als
Regisseur, sondern war auch der Sargnagel für den Niedergang des unabhängigen Traditionsstudios der United Artists. Dabei fand er gültige Bilder für die Eliten in ihren Salons im Osten, wie sie mit ihren Harvard-Abschlüssen Geschäfte schmieden, die im fernen Westen den Tod bringen. Vor dem historischen Hintergrund des Johnson County War, während dessen Verlauf amerikanische Großfarmer in Wyoming 1890 ihre Interessen gegen osteuropäische Einwanderer mit Gewalt und per Todesliste verteidigten, haben die Neuankömmlinge nicht nur die Natur zum Feind, sondern auch das Kartell jener etablierten Amerikaner, die das Land nach Belieben für sich beanspruchen.

Heaven's Gate
Michael Ciminos ambitioniertes Westernepos, das heute als Meisterwerk gilt, scheiterte an den Kosten für die Ausstattung, an der Hybris seines Regisseurs und letztlich seiner Realitätsnähe. Bilder von osteuropäischen, jüdischen Einwanderern, die vom Kartell der Rinderzüchter liquidiert werden, um sie von ihrem Land fernzuhalten, entsprachen nicht wirklich der Vorstellung vom Amerikanischen Traum.***

Cimino beschreibt den Hochmut und die Verachtung, die die eingesessenen amerikanischen Bürger den – in diesem Fall osteuropäischen und jüdischen – Einwanderern entgegenbringen und zeigt die bittere Armut ihrer Trecks, die eher an die Flüchtlingskolonnen am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern als an die heldenhaften Wagentrecks des Hollywoodkinos. Häufig können sich die Einwanderer nicht einmal ein Zugtier leisten und ziehen die Karren mit ihren wenigen Habseligekeiten mit bloßen Händen. Der deutsche Filmkritiker Michael Hanisch schrieb 2005 aus Anlass der Wiederaufführung des Films als rekonstruierter Director’s Cut: »Grübeln über mögliche Gründe für das herbeigeredete Fiasko: ‚Heaven’s Gate‘ sei ›unpatriotisch‹, zeige in aller Ausführlichkeit und opernhafter Monumentalität, wie sehr dieses Land auf Brutalität und nackter Gewalt errichtet worden ist. Doch wie viele Filme aus Amerika davor und danach haben das schon gezeigt?«

Selbst Filme wie Kevin Costners ernsthaft um Authentizität bemühter „Dances With Wolves“ („Der mit dem Wolf tanzt“) von 1990 erlag der Versuchung, das Leben in der Weite des »big nothing« als Pastorale zu inszenieren. Der Protagonist steht zwar auf seinem Außenposten der Weite der Prärie alleine gegenüber, erlebt sie aber als eine Qualität, die ihn als Individuum eher erhöht als existenziell bedrängt.

FORTSETZUNG FOLGT

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* Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Februar und wandert dann weiter ins Saarländische Wagdassen
** Das Buch ist nicht regulär im Handel erhältlich. Man kann es am jeweiligen Ausstellungsort für den Preis von 49 Euro erwerben (432 Seiten mit Schutzumschlag) oder direkt bestellen bei: mail@german-academy-of-comic-art.org (zzgl. 5 Euro Versandkostenanteil / wird als Paket verschickt).
*** Abbildungen aus dem besprochenen Band

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