Neil Diamond trifft Bertolt Brecht

betr.: 74. Geburtstag von Neil Diamond

Zwei große Postars der 70er Jahre begannen ihren Ritt in den Sonnenuntergang gemeinsam: der Amerikaner Neil Diamond, der solche Hits wie „Sweet Caroline“ und „Song Sung Blue“ gelandet hatte, und der als „Monsieur 100.000 Volt“ gefeierte Gilbert Bécaud. Bécaud hatte auch mit den französischen Originalversionen solcher Lieder wie „L’important c’est la rose“ und „Nathalie“ bei uns Erfolg, den er durch  zusätzliche deutsche Versionen jeweils verdoppelte.
Die 80er Jahre sollten beide zu Oldies machen.

Zuvor jedoch schrieben sie zusammen einen Song, der bei uns vor allem in der Neil-Diamond-Version populär wurde: „September Morn“. Diese Ballade klingt, als hätte Diamond den 80er-Pop mit all den tragischen Konsequenzen für seine Art von Musik vorausgeahnt – in der Tat war davon 1980 noch nichts zu spüren.
Natürlich geht es rein inhaltlich nicht um Popmusik sondern um das Wiedersehen mit einer alten Liebe:

September morn
We danced until the night became a brand new day
Two lovers playing scenes from some romantic play
September morning still can make me feel that way

Bei Gilbert Bécaud hieß das Lied „C’est en septembreund richtete den Blick eher auf die güldene Herbstlichkeit der ihn umgebenden Welt:

C’est en septembre
Quand l’été remet ses souliers
Et que la plage est comme un ventre
Que personne n’a touché
C’est en septembre
Que mon pays peut respirer

Wie üblich legte Bécaud auch eine deutsche Fassung vor. Michael Kunze schrieb weniger eine Übersetzung von „C’est en septembre als die Nachdichtung eines Klassikers von Bertolt Brecht: „Erinnerung an die Marie A.“ Er macht aus der berühmten Wolke von Brecht, die „so weiß“ war und so „ungeheuer oben“ „Zwei weiße Wolken“, bleibt aber ansonsten bei der Botschaft, oder besser der poetischen Pointe. Auch hier liegt der Held vor langer Zeit mit einem Mädchen im Gras, an die er sich nicht um ihrer selbst willen erinnert. Bei Brecht klang das so:

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt‘ ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

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