Die wiedergefundene Textstelle: „Das Drei-Monde-Irrenhaus“ (2)

betr.:  43. Jahrestag der Erstausstrahlung von „Square Parts“, Folge 20 der TV-Serie „Ghost Story“ von Richard Matheson / Fortsetzung vom 20.2.2016

Das Drei-Monde-Irrenhaus
Eine Kurzgeschichte von Richard Matheson

V.

Nach dem Frühstück ging er mit ihren Abschiedsgrüßen im Kopf zum Lagerhaus. Von weitem schon sah er die Gnee-Männer, die eine Linie bildeten und auf ihren Köpfen Bündel trugen. Sie marschierten ins Lagerhaus und legten ihre Last auf dem Betonboden ab, wo der Gnee-Vorarbeiter mit einem Klemmbrett stand und Notizen machte.
Als sie Lindell sahen, verbeugten sich alle Männer tief und nahmen ein unterwürfiges Benehmen an. Er stellte fest, dass ihre Köpfe platter als waren als der seiner Hauskraft, dass sie dunkler waren und kleinere Augen hatten. Ihre Körper waren breit und mit dicken Muskeln bepackt.

Die sehen ganz schön dämlich aus, dachte er.
Als er zu dem kontrollierenden Vorarbeiter kam, schickte er ihm einen Gedanken hinüber, auf den er aber keine Antwort bekam. Entweder waren diese Burschen nicht telepathisch veranlagt, oder sie wandten es nicht an.
„Prüfen Sie alles nach?“ fragte der Mann mit krächzender Stimme.
„Oja, aber sicher“, sagte Lindell. Er stieß leicht an das Brett. „Bringen Sie das nachher ins Büro, wenn der erste Schub drinnen ist.“
„Höööh?“ fragte der Mann. Mensch, du bist mir ja eine Marke, dachte Lindell.
„Das hier bringen“, sagte er und schlug auf den Notizblock, „ins Büro!“ Er skandierte die Erklärung mit dem Zeigefinder. „Zu mir bringen – zu mir. Wenn alle Waren drin sind.“
Das schmutzige Gesicht des Mannes nahm einen aufgeregten Ausdruck an, und er nickte eifrig. Lindell klopfte ihm auf die Schulter. Guter Junge, dachte er, ging ins Büro und knirschte dabei mit den Zähnen.

Er schloß die Plexiglastür von innen und sah sich um. Es war dasselbe Büro, das er von allen anderen Weltraumstationen in Erinnerung hatte. Bis auf das Feldbett, das in einer Ecke stand. Wenn die glauben, dass ich hier drinnen durcharbeite, war die Mühe umsonst, dachte er.
Doch dann fand er auf dem flachen, schmutzigen Kissen den Abdruck eines Kopfes und fand ein hellbraunes Haar.
Unter dem Feldbett lag ein Gürtel ohne Schnalle. In der Wand darüber waren tiefe Kratzer, als ob ein Verzweifelter im Fieberwahn versucht hätte, sich einen Weg nach draussen zu bahnen. Er sah sich das alles lange an.
In diesem Laden spukt es, schloß er mit zögerlichem Kopfschütteln. Dann wandte er sich achselzuckend ab. Na wenn schon. Ich muß sechs Monate hierbleiben, und von sowas lasse ich mich nicht kaputtkriegen!

Ihm fiel ein, dass sein erster Tag ohnehin dazu da war, sich in die Unterlagen einzulesen.
So setzte er sich an den Schreibtisch und zog das schwere Stationsbuch vor, klappte den Deckel auf und blätterte zum Anfang zurück.
Die ersten Eintragungen waren trocken und nüchtern. Jefferson Winters hatte sie unterschrieben. Am Ende von sechs Monaten und vielen eng beschriebenen Seiten stand auf der dreiundfünfzigsten reich verschnörkelt die Botschaft: Station Vier Lebewohl für immer und ewig!
Jeff schien keinerlei Schwierigkeiten gehabt zu haben, sich dem Leben hier anzupassen.

Lindell lehnte sich in dem knarrenden Schreibtischsessel zurück und zog das schwere Buch mit einem gelangweilten Seufzer auf seinen Schoß.
Zwei Monate nach Jeffs Ablösung begannen sich die Aufzeichnungen zu verändern. Die Formulierungen wurden unsachlicher und die Einträge verloren an Struktur. Einzelne Zeilen waren verwischt, manche Passagen hastig hingekritzelt, einige unleserlich gemacht und neu geschrieben. Manche der Irrtümer schienen später von der Ablösung korrigiert worden zu sein.
So ging es weiter, etwa vierhundert Seiten lang – eine traurige Parade von Schlampigkeiten und gelegentlichen Verbesserungen. Lindell überblätterte deprimiert mehrere Wochen.
Dann kam er zu Eintragungen, die ein gewisser Bill Corrigan angefertigt hatte. Lindell streckte sich gähnend, lehnte das Buch an die Schreibtischkante und las mit wiedererwachter Aufmerksamkeit weiter.
Das Prinzip der vorigen Halbjahresberichte wiederholte sich. Vernünftige Anfänge, dann allmählich größer werdendes Durcheinander, das zuletzt fast unlesbar wurde. Er fand ein paar himmelschreiend falsche Additionen, die er sorgfältig korrigierte.
Corrigans Aufzeichnungen brachen mitten in einem Wort ab, und für die letzten sechs Wochen seines Aufenthalts hinterließ er nur leere Seiten.
Lindell blätterte suchend im Buch herum, fand nichts mehr und schloß das Buch mit langsamem Kopfschütteln.

Während er in der Dämmerung im Wohnzimmer seinen ersten Feierabend verlebte und auch später beim Essen, wurde er das Gefühl nicht los, dass Lieblings Gedanken wie kleine Insekten in den Windungen seines Gehirns umherkrabbelten. Manchmal bewegten sie sich kaum; dann wieder rannten sie aufgeregt umher.
Wie er später beim Lesen im Bett feststellte, rumorten ihre Gedanken auch dann in ihm herum, wenn sie gar nicht im selben Zimmer war.
Dabei ging ihm schon in ihrer Nähe diese Telepathie zunehmend auf die Nerven.
Na, na, nun laß das mal! hatte er gutmütig versucht, sie zur Vernunft zu bringen. Das einzige, was er dadurch erreicht hatte, war ein besonders verständnisloses Glotzen ihrer riesigen Augen.
„Ach, Unsinn“, murmelte er und warf sein Buch auf den Nachttisch. Ein wenig Schlaf ist das beste Mittel dagegen. Wahrscheinlich haben diese telepathischen Mätzchen die anderen Kerle weich gemacht. Aber mich nicht, gelobte er sich. Ich werde mir einfach keine Kopfschmerzen machen. Er schaltete die Lampe aus und legte sich zum Schlafen zurecht.

„Schlafen“, murmelte er, nur noch halb bei Bewußtsein. Es war genaugenommen kein richtiger Schlaf, weil die Hälfte seiner Tiefe fehlte. Ein dunkler Nebel trübte Lindells Bewußtsein, zeigte ihm Bilder, schob sie ineinander, vergrößerte oder verkleinerte sie, ließ neue hervorquellen.

Liebling. Liebling. Das Echo eines Schreis in einem langen, schwarzen Korridor. Ihr Morgenrock flatterte. Deutlich sah er ihre teigigen Gesichtszüge. Nein, sagte er, bleib weg! Er schrie auf.
Nein! Nein! NEIN!
Mit aufgerissnen Augen sprang er aus dem Bett und starrte verwirrt im Schlafzimmer herum.
Er suchte in der Dunkelheit nach dem Schalter und machte Licht. Hastig steckte er sich eine Zigarette zwischen die Lippen, lehnte sich an das Kopfende des Bettes und blies dicke Rauchwolken von sich. Er hob seine Hand und sah, dass sie zitterte. Er murmelte Worte ohne Sinn und Verstand vor sich hin.
Dann zuckten seine Nasenflügel, und seine Lippen zogen sich voller Abscheu von den Zähnen zurück. Hier liegt doch irgendetwas Faulendes herum, dachte er. Es war ein schwerer, süßlicher Geruch, der von Sekunde zu Sekunde penetranter wurde.
Lindell schlug seine Decken zurück.
Am Fußende des Bettes fand er sie: bleifarbene Blumen, die zu einem großen Strauß arrangiert waren.
Er sah sie einen Augenblick lang an und beugte sich dann vor, um sie aufzuheben und wegzuwerfen. Unwillkürlich schreckte er zurück, als sich ein Dorn in seinen rechten Daumen bohrte.
Er drückte dicke Blutstropfen heraus und saugte sie von der Wunde, während er zugleich gegen die Übelkeit ankämpfte, die der Gestank verursachte.

Fortsetzung folgt

 

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