Malen nach Zahlen mit Buchstaben

betr.: 148. Geburtstag von Wilhelm Steputat

„Generationen von Lyrikern und Verseschmieden hat Willy Steputats Reimlexikon als unentbehrliches Handwerkszeug gedient: Wer wissen will, welches Wort sich auf welches andere Wort reimt, schlägt am besten in diesem zuverlässigen, auch den heutigen Alltagssprachgebrauch berücksichtigenden Standardwerk nach!“ – Wem schon bei dem gruseligen Wort „Verseschmied“ nicht augenblicklich schlecht wird, den will diese Werbebotschaft ansprechen, jemanden also, der kein berufsmäßiger Dichter / Liedtexter ist sondern ein „Liebhaber“. Mit anderen Worten: ein Mensch, der sich ganz freiwillig hinsetzt, um zu dichten, der es dann aber doch nicht selbst tun will und deshalb lieber mal eben nachschlägt.
Als feuriger Liebhaber des geschriebenen Wortes, gerade auch des lyrischen, das sich ja keineswegs immer im Steputat’schen Sinne reimen muß – und als jemand, der auch von Berufs wegen hin und wieder reimt, kann ich mir einen sprichwörtlicheren Griff ins Klo kaum vorstellen.

Die allzu leichtfertige Benutzung eines solchen Hilfsmittels verhindert nicht nur die eigene sprachliche Weiterentwicklung, sie bringt auch eine entscheidende Balance durcheinander: nicht der Inhalt (und die grammatikalischen Aspekte) sind nun das Wichtigste sondern die jeweilige Endsilbe.
Außerdem kämpft der Reimlexikant nicht um die beste Formulierung. Er neigt dazu, einen einmal (vor)gefundenen Reim rasch zu akzeptieren und auch später nicht mehr zu ändern. Dieses Arbeitsethos ist völlig in Ordnung wenn es gilt, ein Ständchen für den Geburtstag von Tante Anneliese zu verfertigen o.ä., bereitet aber Verdruß, wenn es sich in professionellem Rahmen austobt. Fehlbetonungen, ein Mief von Biederkeit, Kollisionen mit anderen Textstellen (Wiederholungen oder Widersprüche) und das Fehlen eines Personalstils kennzeichnen die Ergebnisse solcher Bestrebungen. Bei Liedtexten kommt hinzu, dass sie keineswegs immer gut singbar sind, sobald sie rein rechnerisch aufgehen.

Auch mit der Kreation, dem schöpferischen Vorgang an sich ist das so eine Sache. Wer für einen Bunten Abend im Vereinsheim dichtet, braucht kein Problem damit zu haben, dass die selben „Einfälle“ auch anderswo gehabt werden, überall und von ihm unabhängig. (Neben „Herz“ auf „Schmerz“ ist vor allem „Frau“ auf „genau“ sehr beliebt.)
Einem Künstler hingegen sollte dieser Gedanke Unbehagen bereiten.
Muß er das?
Nein, er muß natürlich nicht. Ganz offensichtlich.

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