Broadway’s Like That – Die Geschichte des Musicals (3): „The Black Crook“

Und ganz viel Europa – Die Anfänge des Broadway (3) (Fortsetzung vom 27. März)

Der erste große Broadway-Hit war 1866 „The Black Crook“, wenn man will eine Art Urmusical, obwohl natürlich das Genre zu jener Zeit noch keine festen Konturen angenommen hatte und im Amerika des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zahlreiche Formen musikalischen Unterhaltungstheaters existierten, die Dialog, Tanz, Musik und Sketche enthielten, und alle ihre Spuren im Musical hinterlassen haben.
Da gab es – um nur einige zu nennen – die Minstrel-Show, in der schwarz geschminkte Weiße klischeehaft Schwarze darstellten, dann das amerikanische Vaudeville, das einfach eine Reihe zusammenhangloser Nummern aneinanderfügte. Es gab die Burlesque, die im 19. Jahrhundert Parodien literarischer Werke bot, im 20. dann zur Striptease-Show verkam, und die Extravanganza, die vor allem auf spektakuläre Bühnen-Effekte setzte.

Zurück zu „The Black Crook“. Hier war es sicher die besondere Mischung seiner Ingredienzien: Schauspiel, Ballett, Musik und eine elaborierte Szene, welche dieses fünfeinhalb Stunden dauernde Spektakel so attraktiv machte. Und zustandegekommen war diese Mischung nur, weil ein Theater abgebrannt war. Die französische Ballett-Truppe, die da hatte gastieren sollen, wurde kurzerhand von einem anderen Theater übernommen und in das schauerliche „Faust“ und „Freischütz“ paraphrasierende Melodram, das dort gerade vorbereitet wurde, integriert. Dabei schonte man Prospekte nicht und nicht Maschinen. Aufgeboten wurden: Gebirgsstürme, Nebelschleier, Silberregen, der auf silbernen Lagern sich räkelnde Feen umhüllte, als Wolken herabschwebende goldene Wagen und Engelsgestalten, sich in wilde Schluchten ergießende Mädchenkaskaden, ein Dämonenballett.
Die Hauptattraktion waren die leichtgeschürzten Damen vom Ballett, die erste Chorus Line. Die Tugendwächter schäumten, nicht ohne detailliert hautenge, fleischfarbene Trikots, figurbetonende enge Mieder und kurze Röckchen zu beschreiben. Damen, die tanzten, dass die Röcke flogen und man druntersehen konnte – unerhört!
Die Musik konnte mit alldem nicht mithalten. Sie war unbedeutend und zusammengewürfelt. Überhaupt kann man annehmen, dass es bei diesen frühen musiktheatralischen Vergnügungen auf die Qualität der Musik nicht ankam.

Im Jahr 1879 geriet die Musik dann in einen kräftigen Aufwind, denn in diesem Jahr kam erstmals eine der satirischen Operetten des englischen Duos Arthur Sullivan (Musik) und William S. Gilbert (kauzige Texte) an den Broadway. „H. M. S. Pinafore“ – obwohl zunächst unauthorisiert und wenig werktreu aufgeführt – erwies sich als ungeheuer erfolgreich.
So wurde auch ein breiteres Publikum mit anspruchsvollerem musikalischem Unterhaltungstheater bekannt gemacht.

Die gute alte „H. M. S. Pinafore“ schaffte es in die beliebtesten Serien der Jahrtausendwende, z.B. in „Star Trek“ und in die „Simpsons“.

Die amerikanische Gutsherrenart, sich europäisches Musiktheater auch ohne rechtliche Absprachen untertan zu machen, beschränkte sich nicht auf die leichte Muse. Sie war schon in der Klassik Gang und Gäbe. Ein besonders anschauliches Beispiel findet sich bei Richard Wagner. Sein „Parsifal“, schrieb der Komponist im September 1880 an seinen königlichen Gönner Ludwig II, dürfe „nie auf einem anderen Theater dargeboten“, sondern „in aller Zukunft einzig und allein in Bayreuth aufgeführt werden“. Die Uraufführung war 1882, im Jahr darauf entschlief der Meister.
Für Heiligabend 1903 setzte die New Yorker Met die erste „Parisfal“-Aufführung außerhalb Bayreuths an. Vergebens versuchte die Komponistenwitwe Cosima, den „Gralsraub“ juristisch zu verhindern. Die Amerikaner pfiffen aufs deutsche Gesetz und enthüllten den Gral als grandiose Show: zwei Jahre lang wurde die 320 000 Mark teure Produktion in vielen Metropolen der USA gespielt, insgesamt 160mal.

Forts. folgt

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