Broadway’s Like That – Die Geschichte des Musicals (6)

betr.: 128. Geburtstag von Irving Berlin

2. Here’s To Those Beautiful Girls (1) (Fortsetzung vom 22. April)

Noch bis zum ersten Weltkrieg sollten europäische Importe – englische Musical Comedies und besonders weitere Opretten im Gefolge von „The Merry Widow“ – das Broadway-Musiktheater beherrschen. Durch Bearbeitungen und das Einfügen von Songs einheimischer Komponisten, wurden diese importierten Stücke dem amerikanischen Geschmack angepasst. Bis 1914 hat Jerome Kern die meisten seiner Songs auf diese Weise unter die Leute gebracht. Er galt als derjenige, der mit seinen Interpolationen anämischen Partituren aufhelfen sowie zu schwerblütige genießbar machen konnte. Daß er seinen europäischen Kollegen gleichwohl in nichts nachstand, schien er mit „Look In Her Eyes“ beweisen zu wollen, ein wienerisch anmutender Walzer, den er 1913 in Leo Falls „Der liebe Augustin“ interpolierte.

Jerome Kerns „Look In Her Eyes“ für “Der liebe Augustin” von Leo Fall

In den 1910er Jahren packte die Amerikaner eine Tanzbegeisterung, die zahlreiche neue Tänze mit sich brachte. Diese Tänze trugen mitunter kuriose, mit Tieren verbundene Namen wie Turkey-Trot, Bunny-Hug, Grizzly-Bear oder Foxtrott.
Der Walzer – das Sinnbild für europäische Operette, wurde als Form-Modell für Song und Tanz seltener, aber er behauptete sich. Später war etwa Richard Rodgers ein Meister des Walzers. Stephen Sondheim verwendete ausschließlich Walzertakt und dessen Ableitungen für ein ganzes Musical. Cole Porter bezieht sich im berühmten „Wunderbar“ parodistisch auf walzende Operettenzeiten, und sogar George Gershwin ließ sich vom „Oom-Pah-Pah“ inspirieren.

In ihrem Musical „Pardon My English“ von 1933 lassen George Gershwin und sein Bruder Ira, der die Songtexte schrieb, den Polizeichef von Dresden, Commissioner Bauer, die Allgegenwart des Walzers besingen. Was auch geschieht von Düsseldorf bis Frankfurt, von Lenz bis Schnabelheim – alles geschieht in Three-Quarter-Time.
Es war Irving Berlin, der 1914 mit seinem Broadway-Erfolg „Watch Your Step“ die Tanzwut der Zeit auf den Punkt und einen frischen populären Ton ins Theater brachte. Vor allem die synkopierten Rhythmen des Ragtime hatten es ihm in dieser „syncopated musical show“ angetan. Er dekorierte sogar bekannte Opernarien damit. Ragtime gab es zwar bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, und um die Jahrhundertwende hatte etwa schon der schwarze Komponist Will Marion Cook* seine Möglichkeiten fürs Unterhaltungstheater erkannt und genutzt, doch durch seinen ungeheuer populären Song von 1911 „Alexander’s Ragtime Band“, der gar nicht mal genuiner Ragtime war, wurde Irving Berlins Name mit Ragtime identifiziert.

* Clorindy_W.M.Cook

Die Wonnen der „Syncopation“ kennt auch der Song „Follow The Crowd“ aus der selben Zeit wie „Watch Your Step“. Berlin hat ihn nicht nur komponiert und getextet, er singt ihn auch selbst.

Die Handlungselemente in „Watch Your Step“ waren geringfügig, und es wies genug verschiedenartige Nummern auf, um eher als Revue denn als Musical Comedy bezeichnet zu werden. Revuen, die es am Broadway seit 1894 gab, besaßen keine Handlung, höchstens ein übergreifendes Thema. Ihre Musik stammte meistens von verschiedenen Komponisten, und sie erschienen vielfach turnusmäßig.

Tonangebend auf dem Sektor der Revue war der geniale Impresario Florence Ziegfeld, der 1907 seine „Follies“ begründete. Die große Zeit der Revue begann nach dem ersten Weltkrieg – nicht nur für Ziegfeld, sondern auch für Nachahmer und Konkurrenten.

Ein wesentlicher Bestandteil der „Ziegfeld Follies“, die opulente Ausstattung, gewann eine beinahe künstlerische Qualität, nachdem Ziegfeld 1915 den vom Jugendstil beeinflussten Wiener Architekten, Designer und Bühnenbildner Josef Urban engagiert hatte. Der Hauptzweck der „Ziegfeld Follies“ aber bestand im „Glorifying the American Girl“. Die schönsten prachtvoll aufgeputzten Mädchen schritten Treppen hinunter und wurden auch sonst groß herausgebracht. Für die „Ziegfeld Follies“ von 1919 schrieb Irving Berlin den Song, der fortan zur Hymne der Follies wie auch von Schönheitskonkurrenzen und Modenschauen werden sollte: „A Pretty Girl Is Like A Melody“.

In MGMs „The Great Ziegfeld“ (1936) trägt Dennis Morgan diesen Song vor, eingebettet in eine musikalisch anspielungsreiche production number.

Forts. folgt

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