Was ist ein Schlager?

betr.: 89. Geburtstag von Trude Herr

Das Wort „Schlager“ ist ursprünglich ein Begriff, der eine gewisse Hochachtung ausdrückt. Geschaffen, um Geld zu verdienen – die Verzauberung / Begeisterung der Hörerschaft ist hierzu notwendig, aber sie ist nicht der ursächliche Zweck – ist der Schlager in der Lage, die jeweiligen Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Der Ausdruck „Hit“ bedeutet im englischen Sprachraum nichts anderes. Mit der Übernahme dieser internationalen Version in unseren Sprachgebrauch verschoben wir den Schlagerbegriff mehr und mehr ins Abfällige. Zunächst bedeutete er „Hit aus deutscher Fertigung“, dann „Hit in deutscher Sprache“ und schließlich „Kommerzielles Lied biederen Inhalts und dümmlicher Machart in deutscher Sprache“. Deutsches, das ganz offiziell nicht dümmlich ist – die Lieder von Reinhard Mey etwa – ist in unserer Wahrnehmung kein Schlager. Auch dann nicht, wenn damit richtig viel Geld verdient wird.
Ein Schlager hingegen muß nicht einmal mehr Erfolg haben, um dieses Etikett zu verdienen – „Traumexpress“ von Marianne Rosenberg floppte kläglich. „Schlager“ ist im musikalischen Kontext heute ein Schimpfwort. (Nicht etwa im Einzelhandel: ein „Verkaufsschlager“ ist noch immer etwas höchst Erstrebliches.)

Schon in den 70er Jahren, der Schlager-Blütezeit in der Bundesrepublik, holte sich Otto Waalkes großes Gelächter ab mit seiner scherzhaften Behauptung, er habe ein Buch geschrieben: „Der Deutsche Schlager und andere Geisteskrankheiten“. (Man beachte die genealogischen Feinheiten: das großgeschriebene Adjektiv „Deutsche“, das die Verwechslung mit ausländischen Produkten wie den coolen Titeln auf Englisch oder den als „Chanson“ geltenden Liedern aus französischer Produktion verhindert, verweist auf den inhaltlichen Wandel vom Lob zum Schimpfwort.)
Felix Johannes Enzian geht der Definition mit dem heute möglichen Abstand in einem Artikel nach*. Er schreibt, wenn man sich diese Musik „mit besonderer Konzentration auf die Arrangements und die tontechnische Umsetzung anhört, sind, soweit das Genre Schlager solches erlaubt, Schmelz, Zartsinn, Charakter und Seele zu hören.“
Seit den 80er Jahren gibt es im großen Stil das bis heute lebendige wohlfeile Konzept, sich mit Konzertauftritten vorgeblich über den Schlager lustig zu machen – mit schlimmen Haaren, Klamotten und Liedern – und doch an ihm zu verdienen. Dass diese wohlfeile Vortäuschung einer Distanz zum Objekt häufig vom Publikum durchgewunken wird, auch wenn sie ohne jedes Handwerk geschieht – bestes Beispiel hierfür war für mich die kurze Karriere von Gildo Horn – ermuntert Enzian zu folgender klugen Ermahnung: „Das Prinzip ‚Camp’, die alchimistische Umwandlung von kulturellem Giftmüll in etwas Ergreifendes**, sollte eigentlich jeder Unterhaltungskünstler verinnerlicht haben. Das Verfahren ist komplex und nicht generalisierbar. Die Formel ‚So schlecht, dass es schon wieder gut ist’ scheint dafür zu plump. Schlechter Geschmack erfordert, um nicht zu langweilen, mindestens so viel Hingabe, Instinkt und Finesse wie guter. Es geht um die Kunst, gleichzeitig ironisch und tief gefühlvoll bitterernst zu sein, wozu eine konsequente, radikale Haltung gehört.“
Wie makellos dieser Spagat glücken kann, bewies die als filmische Schnulzenklamotte verkleidete futuristische Sozialgroteske „Im Himmel ist die Hölle los“ (1983).

Dass der Deutsche Schlager wirkliche Kunstwerke (oder doch zumindest Kunststücke) hervorgebracht hat, darf man in kleiner Runde heute durchaus zugeben. Bei Hazy Osterwald findet sich da z.B. „Folgen Sie mir!“, bei Mary Roos „Morgens um fünf“, bei Bruce Low „Noah“. Und wäre es nicht so totgedudelt, hätte sogar „Ich will keine Schokolade“ von Trude Herr ein paar unbestreitbare Meriten. Oder der „Kriminal-Tango“ vom schon genannten Hazy Osterwald.

Aber wo verläuft nun die Grenze zwischen dem Schlager und seiner so viel angeseheneren Nachbarin, dem Chanson?*** Diese Frage mag sich der eine oder die andere z.B. angesichts des bis zuletzt sehr erfolgreichen Hit- und Heck-Paradenstürmers Udo Jürgens gestellt haben, der immer wieder gern betonte, seine Lieder seien „eher“ Chansons.
Auf einige seiner Titel trifft das unbedingt zu. Auf praktisch jedem Jürgens-Album verstecken sich zwischen den Verkaufs-Schlagern spitzfindige ambitionierte Kabinettstücke. Doch auch einer seiner größten Hits, „Ich war noch niemals in New York“, erfüllt ein Chanson-Kriterium: er wartet gegen Ende mit einer Volte auf, mit einer inhaltlichen Überraschung. (Das Wort „Pointe“ wäre mir hier etwas zu deftig.) Es gibt weitere Beispiele …

Üblicherweise verabschiedet der Schlager den Zuhörer schon mit dem Beginn des ersten Refrains ins Auf-Durchzug-Schalten: Keine Angst vor weiteren Überraschungen, Leute! Dies bekräftigt noch ein typisches Stilmittel der Ära und des Genres, das in den Zeiten der Operettenschlager oder der Tin Pan Alley rein technisch noch gar nicht möglich war: die Ausblende. Sie signalisiert: es ist egal, wie lange ihr zuhört – ihr verpasst nichts mehr. Diese Entspannungspolitik ist eines seiner Erfolgsrezepte, Teil des Servicepakets und eine Einladung, den Song selbst hinterher (innerlich) weiterzusingen (- als Ohrwurm). Genau dieser Ruch von Beliebigkeit ist es andererseits, der der Liedgattung ihren schlechten Ruf eingetragen hat. Einen Grönemeyer-Song wie „Mensch“ darf man natürlich auch mitsingen, aber aus dem steigt man nicht einfach irgendwann aus.

Gewissensfage zum Schluß: Warum würde ich mich selbst niemals als Schlagerfreund bezeichnen, der ich doch musikalisch ein so großes Herz habe?

Für mich hörte der Spaß endgültig Anfang der 80er Jahre auf, nach dem Abklingen der Neuen Deutschen Welle. Es waren die Zeiten des Durchbruchs von Andy Borg und dem Beginn der Alterskarriere von Roger Whittaker – ich nenne diese wahllosen Beispiele dem Kolorit zuliebe, ohne den genannten Herren besondere Verdienste um den Niedergang zuzubilligen.
Ich erwachte eines sonnigen Sonntagmorgens von einem Radio, das im Nebenzimmer ein aktuelles deutsches Lied spielte. Der Sound war anders an als früher, und doch fühlte er sich auf Anhieb gängig und vertraut an. Es war eine vorauseilende Vertrautheit, denn so sollte sich diese Musikrichtung von nun an immer anhören. Man könnte sagen, die Musik war endgültig industriell professionalisiert worden. In der Musikwelt nennt man das „General-Midi-Standard“: international standardisierte Keyboard-Klangfarben zur Vermeidung eines kostspieligen Studio-Orchesters. Seither wirken bereits die Originaltitel wie die Zombie-Versionen die für Karaoke-Bars gefertigt werden, um die Lizensierung der Originalplaybacks einzusparen. Der besondere Touch entsteht vor allem durch die Sparversion eines Instrumentes, von dem ich gedacht hätte, es müsste sich besonders leicht elektronisch nachbauen lassen: des Schlagzeugs. Es klingt seither im Schlager immer wie Dschschsch … ich glaube, Sie wissen, was ich meine.
Ohne den Ausdruck damals zu kennen, bekam ich an jenem Sonntagmorgen ein Ballermann-Gefühl.
Es war ein böses Erwachen.

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* F.A.Z. Medienseite vom 25. April 2014
** siehe dazu auch den Blog vom 4. Oktober 2014
*** siehe dazu auch den Blog vom 18. Januar 2015

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