Broadway’s Like That (10): Die Story von „The Man I Love“

3. George Gershwin und das Jazz-Age (3) (Fortsetzung vom 19. Mai)

In den 20er Jahren gewannen Broadway-Musicals derart an Attraktivität, dass sie in zunehmendem Maß auch ins Ausland, vor allem nach England gingen. “No, No, Nanette” war einer der Exportschlager und wurde 1925 auch schon in Berlin gespielt. George Gershwin schrieb 1924 mit “Prim Rose” ein Musical direkt für die Londoner Bühne, in dem er – um seine Musik dem Sujet und dem englischen Geschmack anzupassen, auf Jazz-Einflüsse weitgehend verzichtete. So englisch war Gershwins musikalischer Akzent in “Prim Rose”, daß das Stück – obwohl in London erfolgreich – nicht auch an den Broadway kam.
Zu den Besonderheiten von “Prim Rose” gehört, dass es verhältnismäßig durchkomponiert ist und ein stärkerer Zusammenhalt zwischen Stück und Musik besteht, als damals üblich. Denn eigentlich wurde der Ansatz der Princess-Theatre-Shows, Handlung und Musik stärker aufeinander zu beziehen, in den 20ern nicht weiterentwickelt. Das Musical-Comedy-Schema der Zeit sah ein Libretto mit amourösen und komischen Verwicklungen vor, die Anlaß zu Gesangs- und Tanznummern boten. Im Zentrum standen die Songs, die Stars, die Komiker. Ob und wie das alles zusammenhielt, war zweitrangig.

Obwohl Gershwin durchaus an einer dramaturgisch sinnvollen Eingliederung seiner Songs gelegen war, wirken sie meistens auch für sich allein und konnten bei Bedarf gestrichen oder gegen andere ausgetauscht werden. Auch das war gängige Praxis. Kam ein Musical bei den Voraufführungen außerhalb New Yorks nicht an, wurde eben bis zur Broadway-Premiere – mitunter auch darüber hinaus – daran herumgeändert. Gershwins Song „The Man I Love“ etwa ging regelrecht auf Wanderschaft. Ursprünglich für Adele Astaire geschrieben, die ihn in „Lady Be Good“ singen sollte, wurde der Song dort gestrichen, von einer Verehrerin Gershwins nach Europa exportiert und da populär. 1927 nahm ihn Gershwin erneut in ein Musical, die Erstfassung von „Strike Up The Band“ auf. Auch dort schien er fehl am Platz. Ein Gershwin-Klassiker wurde er trotzdem. In einem seiner Rundfunkprogramme aus dem Jahr 1934 „Music By Gershwin“ erzählt der Komponist diese Inside-Story selber und spielt anschließend den Song.

George Gershwin über „The Man I Love“

George Gershwin spielt „The Man I Love“

Die Geschichte von “The Man I Love” berührt auch schon eines der Probleme, die sich stellen, wenn man die Musicals jener Zeit möglichst authentisch rekonstruieren will wie es mit den Musicals der Gershwin-Brüder für Tonträger geschah.
Fünf rekonstruierte Gershwin-Musicals sind seit 1990 eingespielt worden, darunter auch „Lady Be Good“ und „Strike Up The Band“. Welches wäre der authentische Platz für „The Man I Love“? Der Song findet sich – es sei verraten – in „Strike Up The Band“.
Natürlich können diese rekonstruierten Musicals nur Idealtypen darstellen, bei denen nach der Auswertung aller verfügbaren Materialien aus zahlreichen Stadien ein sinnvolles Ganzes destilliert und Fehlendes im Stil der Zeit ergänzt werden muß. Mit den Materialien zu einer Show  ging man in den 20ern – und auch später noch – recht sorglos um. Besonders wenn das Musical ein Flop war – also keine Aussicht auf ein Revival bestand – wurden die Materialien verstaut und vergessen. Publiziert wurden ohnedies meist nur die potenziellen Hit-Songs. Alles übrige, z.B. originale Orchestrierungen und Arrangements, ist allenfalls lückenhaft überliefert.

In einem Lagerhaus der Warner Brothers in Seacaucus, New Jersey, fanden sich 1982 verschollen geglaubte Originalmaterialien zu Musicals aus den 20er Jahren von Gershwin, Kern, Youmans, Porter. Dieser sensationelle Fund hat zweifellos bewirkt, dass die Möglichkeit der Rekonstruktion historischer Musicals überhaupt erkannt und realisiert wurde. Zu den inzwischen rekonstruierten und eingespielten Gershwin-Musicals gehört wie gesagt auch „Lady Be Good“. 1924, im Jahr der „Rhapsody In Blue“ entstanden, war „Lady Be Good“ dasjenige Musical, mit dem George und Ira Gershwin am Broadway groß herauskamen. Vereinzelt hatten die Brüder auch vorher schon zusammengearbeitet, doch war „Lady Be Good“ die erste komplette Broadway-Show, für die George die Musik und Ira die Songtexte geschrieben hatte.
Diese Kombination von Georges leichtfüßiger Musik mit Iras pfiffigen Texten erwies sich als so glücklich, dass die Brüder fortan bis zum Tode von George Gershwin nahezu ausschließlich zusammenarbeiteten.
Auch ein anderes Geschwisterpaar feierte in „Lady Be Good“ Triumphe: Fred und Adele Astaire. Schon als Teenager hatten sich George Gershwin und die Geschwister Astaire kennen gelernt, und Gershwin hatte davon geträumt, einmal ein Musical für die Astaires zu komponieren. Das war ein knappes Jahrzehnt später mit „Lady Be Good“ Wirklichkeit geworden.
Forts. folgt

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