Intelligent Life

betr.: 213. Geburtstag von Ralph Waldo Emerson

Der Aufstieg der USA zur Weltmacht im 20. Jahrhundert bedeutete in den Augen der Alten Welt nicht automatisch auch deren Aufstieg zur Kulturnation. Noch meine Kindheit im naturgemäß USA-freundlichen Westdeutschland kannte das geflügelte Wort von den „kulturlosen Amerikanern“, das ganz beiläufig und unbewegt in Nebensätzen vorkam und allmählich leiser wurde.
Der erste Gegenbeweis zu dieser Haltung wird heute unter dem Begriff American Renaissance zusammengefasst. Einige jener Autoren, die schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts daran mitwirkten, dass die frühere Kolonie USA nach der längst errungenen politischen Unabhängigkeit sich auch intellektuell von England und Europa abnabeln konnte, erlebten ihren Erfolg nicht mehr.
Hier folgt der Überblick über die wichtisten historischen Vertreter der amerikanischen Nationalliteratur als Gesprächsgrundlage für die nächste intellektuelle Stehparty:

James Fenimore Cooper, der Autor der „Lederstrumpf“-Romane, begründet die froniter novel und den Western.
Edgar Allan Poe erfindet den Chevalier Dupin und damit den Kriminalroman sowie die moderne Kurzgeschichte. In der Popkultur wird er zum wichtigsten Posterboy der phantastischen Literatur.
Ralph Waldo Emerson wird als Vertreter einer systemtranszendierenden literarischen Philosophie zum Vorbild z.B. von Friedrich Nietzsche.
Margaret Fuller geht mit ihrem Manifest „Women In The Nineteenth Century“ der modernen Frauenbewegung voran.
Henry David Thoreau wird mit „Restsiance To Civil Gouvernment“ zum Vordenker des zivilen Ungehorsams und mit „Walden oder Hüttenleben im Walde“ zum ersten Repräsentanten einer ökologischen Poetik.
Harriet Beecher Stowe legt mit ihrem Bestseller „Onkel Toms Hütte“ den Grundstein für eine Aufarbeitung der Sklaverei.
Walt Whitman wird zur poetischen Stimme der amerikanischen Demokratie und Natur.  In der aktuellen Erfolgsserie „Breaking Bad“ tritt er als eine Art deus ex machina in Erscheinung.
Emily Dickinson nimmt als Vertreterin einer experimentellen Lyrik die Moderne vorweg.
Der Romantiker Nathaniel Hawthorne erneuert den historischen Roman und wird zum Vorläufer des magischen Realismus. „Der scharlachrote Buchstabe“ wird immer wieder verfilmt, parodiert und zum Musical-Stoff.
Herman Melville traf der Fluch des unbarmherzigen Timings der Geschichte besonders hart. Als er „Moby Dick“ verfasste, war er als Erfolgsautor bereits gescheitert. „Bartleby der Schreiber“*, der heute als Vorläufer Kafkas und des absurden Theaters gefeiert wird, erregte Ermahnungen, ihn einweisen zu lassen. Als Privatmann schrieb Melville unablässig weiter, zuletzt den „Billy Budd“, der erst 33 Jahre nach seinem Tode veröffentlicht und zur Vorlage einer Britten-Oper wurde.

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* siehe dazu auch den Blog vom 7. Oktober 2014

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