Süße Medien-Steinzeit – Zwei Rückblicke

betr.:  69. Geburtstag von Konstantin Wecker / 103. Geburtstag von Peter Frankenfeld (gestern)

Manches war früher tatsächlich besser. Besonders, wenn man im weitesten Sinne TV-Unterhalter war.

Unvergessen ist mir ein Gastauftritt von Peter Frankenfeld in Rudi Carrells Personality-Show, Anfang der 70er Jahre. Frankenfeld war als einer der Ur-TV-Moderatoren unserer schönen Heimat bereits eine Art Heiligtum. Er hatte es außerdem mit einem Steinzeit-Fernsehpublikum zu tun, das besonders dankbar und nachsichtig war. Er brachte eine seiner Spezialitäten zum Vortrage: die täuschend echte Imitation deutscher Dialekte. Ein Comedian unserer Tage müßte sich erst einen Vorwand schaffen, um so etwas vorzuführen. Er müßte sich idealerweise eine Situation szenisch zurechtlegen, die die Vertreter der Regionen zusammenführt und motiviert miteinander kommunizieren läßt. Ach ja, es wäre auch toll, wenn dabei irgendetwas Komisches passieren würde.
Da hatte es der alte Frankenfeld wesentlich leichter. Gastgeber Carrell gab ihm artig die vereinbarten Stichworte und fragte die Dialekte ab, einen nach dem anderen. Frankenfeld babbelte, schwätzte und berlinerte mit der ihm eigenen versteinerten Miene. Pointen? – Ach wo! Der supertoll getroffene Sound genügte. Alle freuten sich.

Um die gleiche Zeit rollte die Liedermacher-Welle, die natürlich anderes im Sinn hatte, als diese Art biederer Erheiterung. Aber auch hier wurde der Großmut der Zuschauer gern ausgenutzt. Die Zeiten, in denen kritische Barden um Leib und Leben fürchten mußten, lagen gottlob ein knappes halbes Jahrhundert zurück (- das sei den Kollegen unbedingt gegönnt!), aber die Liedermacher umgaben sich weiterhin mit dem Dunst des zivilen Wagemuts.
Der junge Wilde Konstantin Wecker sang ein für ihn und für die Zeit und Zunft typisches Chanson mit dem Titel „Der alte Kaiser“, das wir uns stellvertretend etwas näher ansehen wollen.
Auf den ersten Blick wird hier ein schlimmes Thema verhandelt: Tyrannei, Demokratie-Defizite, die langersehnte, heißerflehte Götterdämmerung.
Da heißt es:

Der alte Kaiser steht im Garten und wirft Schatten.
So überflutet ihn der Mond. Der Kaiser träumt:
In die vergoldeten Paläste strömten Ratten,
und in den Sälen seien wilde Pferde aufgezäumt.

Die ritten Tote, und ein dumpfes Klagen
zerriß die Erde, und der Kaiser flieht
und schreit zum Mond hinauf: Dich muß ich haben.
Und hofft auf einen, der ihn in den Himmel zieht.

Schlaf, Kaiser, schlaf,
denn morgen werden sie kommen.
Du hast ihnen viel zuviel
von ihrem Leben genommen.

Das ist fabelhaft erzählt, aber wer ist eigentlich damit gemeint?
Egal. – Jeder, der es sich gefälligst verbitten würde, unterdrückt und beherrscht zu werden, kann hier sein privates Feindbild einkleben. Niemandem wird zu nahe getreten, obwohl Weckers gewohnt kraftstrotzend orgelnder Bardengesang die ganz große anklagende Pose einnimmt.
Werden uns die Augen geöffnet? Wird uns ein Denkanstoß gegeben? Wird uns etwa zu einer Haltung geraten, die wir bislang schamhaft weggedrückt haben?
Nichts von alledem.
Dieses sich so kühn und aufrührerisch gebärdende sechseinhalbminütige Lied ist einer dieser wohlfeilen „Ihr Großen da oben“-Gesänge, die das Kabarett der Nachkriegszeit (auch in unmusikalischer Form) so üppig bereithielt, bei denen sich alle miteinander – einschließlich der noch nicht alten 68er – in ihrem demokratischen Mäusekino so richtig einmummeln konnten.

Schon schmieden sie am Horizont die Schwerter,
der Glanz der fetten Zeiten ist verpufft.
Der Kaiser spürt: er war schon mal begehrter,
und gräbt sich eine Kuhle in die Luft.

Die Tränen der Paläste werden Meere.
Sogar die Ratten fliehen mit der Nacht.
Und mit der neuen Sonne stürmen stolze Heere
die alte Zeit und ringen um die Macht.

Stirb, Kaiser, stirb,
denn heute noch werden sie kommen.
Du hast eben viel zuviel
von ihrem Leben genommen.

„Der alte Kaiser“ ist gut gealtert. Er funktioniert fabelhaft bei den diversen traurigen Anlässen, die die gegenwärtige Weltlage für seine Wiederaufführung bereithält. Dass er es so gut versteht, sich nicht unnötig festzulegen – wie jeder erfolgreiche Politiker – garantiert seine Unverwüstlichkeit.

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