Broadway’s Like That (12): Neue Operetten – und „I Got Rhythm“

3. George Gershwin und das Jazz-Age (5) (Fortsetzung vom 31. Mai)

Mitte der 20er Jahre – zur selben Zeit, als die Gershwins den Broadway eroberten, erlebte erstaunlicherweise auch die längst totgeglaubte traditionelle Operette eine neue Hochblüte am Broadway. Diese Operetten waren nun nicht mehr aus Europa importiert. Sigmund Romberg und Rudolf Friml komponierten vielmehr mit „The Student Prince In Heidelberg“ oder „Rose-Marie“* – beide von 1924 – einheimisch-amerikanische Operetten. „Deep In My Heart, Dear“ aus Rombergs “The Student Prince In Heidelberg”, eine Aufnahme aus dem Jahr 1925.

„Deep In My Heart, Dear“ (Friml/Romberg) (1925) from “The Student Prince In Heidelberg” (1924)

Als Sigmund Romberg 1928 den Auftrag zum Musical „Rosalie“ zwar gerne annehmen wollte, jedoch Terminschwierigkeiten voraussah, wünschte er sich Mitarbeiter: George und Ira Gershwin. Das Ergebnis wurde ein Erfolg, obwohl es – vielleicht gerade weil es – eine seltsame Mischung war.
Der Kritiker Alexander Woollcott merkte zum Anteil Rombergs an: „Bruder Romberg hat seine üblichen donnernden Chöre geschrieben, die man genießt, solange sie auf einen einbrüllen und die man im Foyer bereits vergessen hat.“
Zu den Beiträgen Gershwins zählte etwa „Oh Gee, Oh Joy“.

„Oh Gee, Oh Joy“ (Gershwin/Gershwin) from “Rosalie” (1928)

Aus “Girl Crazy” von 1930 stammt der wohl berühmteste Gershwin-Song: “I Got Rhythm”. In diesem Musical, vor allem mit diesem Song, wurde schlagartig eine junge Frau, deren vitale, kraftvolle Stimme bis ins Foyer zu hören war, zum Star, der sie über Jahrzehnte bleiben sollte: Ethel Merman. Im Orchestergraben der originalen „Girl Crazy“-Produktion von 1930, saß die Red-Nichols-Band mit den nachmals berühmten Jazz-Musikern mit Benny Goodman, Gene Krupa, Glenn Miller, Jack Teagarden, Jimmy und Tommy Dorsey.
“I Got Rhythm” ist eine der beliebtesten Improvisationsvorlagen in der Jazz-Musik geworden. Gershwin selber – im Unterschied zu manchen seiner Kollegen – schätzte es, wenn seine Songs als Grundlage für Jazz-Improvisationen diensten. Leidenschaftlicher Klavierspieler, der er war, improvisierte er selbst hervorragend – wenn auch nicht in der Art der Jazz-Pianisten wie Fats Waller, der eine der beliebtesten Fassungen von „I Got Rhythm“ vorlegte.

I Gor Rhythm_Real Book
Die betreffende Seite aus dem legendären „Real Book“, in dem Jazz-Musiker sich die wichtigsten Titel für ihre Jam-Sessions und Auftritte grob notierten, ohne sich um Tantiemenansprüche Sorgen zu machen. Der Text fehlt, ebenso die Strophe, die dem Refrain vorangeht wie das Rezitativ der Arie. Die Strophen der großen Jazz-Standards wurden auf Studioaufnahmen in der Regel ausgelassen (auch von Sängern ). Sie waren und blieben dem Musikfreund praktisch unbekannt, bis in den 90er Jahren die Ära der rekonstruierten Gesamtaufnahmen anbrach.

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* siehe dazu auch den Blog vom 24.5.2016

Forts. folgt

 

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