Der leere Spot

betr.: 47. Todestag von Judy Garland

Nachsichtig betrachtet ist das Remake von „A Star Is Born“ Judy Garlands Abschiedsfilm. Nach dem unrühmlichen Abgang bei MGM und einigen Jahren in der Versenkung kehrte sie mit diesem musikalischen Drama glanzvoll zurück, sang u.a. den Hit „The Man That Got Away“ und war überhaupt in Hochform. Ihr tatsächlicher letzter Film “I Could Go On Singing“ (1962) wird von den Biographen nicht geschätzt. Er gilt als entbehrliches Nebenwerk, das überhaupt nur der Rede wert ist, weil sich danach kein weiteres mehr mit dieser Darstellerin ergibt.
Soweit die offizielle Bewertung.
Sie könnte nicht gründlicher danebenliegen.

Als „A Star Is Born“ vor einigen Jahren auf DVD erschien – so gut es ging wiederhergestellt und um geschnittenes Material ergänzt – sah ich ihn nach langer Zeit erstmals wieder. Er sitzt voller sehenswerter Shownummern, ist aber als Geschichte lahm und überladen. Was mich zugegebenermaßen richtiggehend irritierte, war der inhaltliche Twist, dass die berühmte Drogenabhängige und Alkoholikerin Judy Garland hier als trockener Fels in der Brandung auftritt (sorry für diesen Kalauer), während James Mason den Süchtigen zu spielen hat, der von seiner Partnerin vergebens ermahnt wird. Für das Publikum von 1954 mag das die Art tröstlicher Illusion gewesen sein, die zu liefern Hollywoods edelste Aufgabe war.

Einige Zeit später fiel mir auf, dass ich „I Could Go On Singing“ („Bretter, die die Welt bedeuten“) noch gar nicht gesehen hatte. Ich nutzte einen mußevollen Silvesterabend, um das nachzuholen. Meine Erwartungen waren bescheiden (siehe oben). Vor mir entfaltete sich ein bewegendes Kammerspiel zweier Persönlichkeiten, die wirklich wie die alten Freunde wirkten, die sie zu spielen hatten. Garlands Partner war Dirk Bogarde, der ihr bei den Dreharbeiten eine große Stütze gewesen ist. Der Film spielt in London, wo Judy Garland tatsächlich zuletzt gelebt hat, und beinhaltet einige atemberaubend gefilmte Live-Auftritte im Palladium. Doch ist es nicht allein diese Nähe zur tatsächlichen Biographie der Künstlerin, die dokumentarische Komponente, die ihn so sehenswert macht. Zuallererst ist „The Lonely Stage“ – wie der Film erheblich treffender zuerst hätte heißen sollen – schlicht überzeugend, ohne jeden Kitsch und frei von der Verlogenheit, in die Geschichten aus der Welt des Showgeschäfts so leicht abrutschen. Judy spielt eine Frau, die auf die letzten Meter versucht, das Familienidyll zurückzuholen, das sie einst ihrem Ruhm geopfert hat. Dass beides auf einmal nicht zu haben ist, erfahren sie und wir auf die harte Tour. Im Finale – einem weiteren Song auf der großen Bühne – wird eine goldene Brücke zu einem versöhnlichen Pseudo-Happy-End gebaut, ein kleines Trostpflaster ist in Reichweite. Doch auch das wird uns nicht gegönnt.
“I Could Go On Singing“ hat mindestens ebensoviel mit dem Leben zu tun wie mit dem Scheinwerferlicht – nicht nur mit dem Leben von Judy Garland.

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