Tarantinos Klingelton

betr.: 105. Geburtstag von Bernard Herrmann / “The Twisted Nerve” / „Kill Bill – Volume 1“

Nach seinem zwistvollen Abgang aus Hollywood ließ sich Hitchcocks ehemaliger Hauskomponist Bernard Herrmann in London nieder und begründete die Kultur der klassischen Neueinspielung alter Soundtracks für den Schallplattenmarkt.
In den gut zehn verbleibenden Jahren seines Lebens wurde er von jungen Regisseuren engagiert, die seine Arbeit bewunderten – was seinen notorischen Kulturpessimismus leider kaum milderte – und wirkte außerdem an einer Handvoll kleiner, billig produzierter Thriller der Boulting Brothers mit.

Einer dieser Blicke in den Abgrund war der als „dümmlich“ bezeichnete “The Twisted Nerve”. Selbst Herrmanns Biograph Steven C. Smith wirft dem Komponisten vor, „most self-derivative“ vorgegangen zu sein und abgesehen von dem Pfeif-Solo als einziger Innovation einen enorm langweiligen Soundtrack abgeliefert zu haben. Howard Blake arrangierte das Titelmotiv noch zweimal für eine Jazz-Combo. Einige der wenigen Kritiker, die die Filmmusik überhaupt erwähnten, beurteilten „The Twisted Nerve“ als den Tiefpunkt von Herrmanns Werk.

Unterdessen hat das ohrgängige Pfeif-Motiv Karriere gemacht. Quentin Tarantino verwendete es im ersten Teil von „Kill Bill“, und es wird seither immer wieder gespielt, zitiert und gesampelt – nicht zuletzt als Klingelton. (Übrigens in Herrmanns eigener, nicht in der „moderneren“ Jazz-Version).
Auch der Film selbst ist besser als sein Ruf. Er präsentiert uns den wunderlichen Jugendlichen Martin, den sein zurückgebliebener Bruder auf die Idee bringt, selbst eine leichte geistige Behinderung vorzutäuschen, um ein Mordkomplott gegen seinen verhassten Vater einzufädeln. Die heute sehr unverbraucht wirkenden und keineswegs hübschen Gesichter – einzig Barry Foster, der widerwärtige Krawattenmörder aus Hitchcocks „Frenzy“ bringt eine gewisse Berühmtheit mit – schaffen eine Atmosphäre weitab unserer heutigen Sehgewohnheiten, der schräge Look der späten 60er tut ein Übriges. Eineinhalb Stunden lang ist „The Twisted Nerve“ außerdem ein fesselndes und spitzfindiges Drama mit beachtlichen Schauspielerleistungen. Dann rutscht er binnen eines tragischen Augenblicks in den billigsten Slasher-Grusel ab (und Martin ist fortan wirklich restlos verrückt, während er bis dahin große Raffinesse walten ließ).
Obwohl ich selten gute Remakes gesehen habe, stelle ich mir vor, ein feinfühliger Filmemacher unserer Tage würde die Geschichte bis zu diesem Wendepunkt präzise nacherzählen und ihr ein würdiges Finale verpassen.
Er bräuchte sich dazu ja nicht einmal von Herrmanns Musik zu trennen.

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