Broadway’s Like That (15): In der Werkstatt

4. Jerome Kern – Erfinder des Musicals (2) (Fortsetzung vom 25. Juni)

In den 20er Jahren gab es vereinzelt immer wieder europäische Operetten am Broadway. Durch Bearbeitungen und das Einfügen von Songs einheimischer Komponisten, wurden diese importierten Stücke dem amerikanischen Geschmack angepasst. Bis 1914 hat Jerome Kern die meisten seiner Songs auf diese Weise unter die Leute gebracht. Er galt als derjenige, der mit seinen Interpolationen anämischen Partituren aufhelfen sowie zu schwerblütige genießbar machen konnte.
Auch heute noch wird regelmäßig interpoliert – und zwar immer dann, wenn ein Bühnenmusical ins Kino kommt. Um sich für den Song-Oscar zu qualifizieren, der eine Originalkomposition vorschreibt, wird heute wie in alter Zeit jedem Musical in der Filmversion ein neuer Titel hinzugefügt. Ironischerweise geht diese Form der Interpolation wiederum auf Jerome Kern zurück, denn er hatte sich dafür eingesetzt, ein ausgezeichneter Song müsse neu sein.

Jerome Kern Collection

„Sitting Pretty“ brachte Kern 1924 erneut – und zum letzten Mal – mit seinen ehemaligen Mitarbeitern von den Princess Shows zusammen: Guy Bolton für das Libretto und P. J. Wodehouse für die Songtexte. Ursprünglich hatte Irvin Berlin die Musik zu „Sitting Pretty“ schreiben sollen, doch als dieser sich zurückzog, griff Kern nur zu gerne zu.

Damals wenig erfolgreich und lange unterschätzt, strahlt „Sitting Pretty“ einen herzerwärmend naiven Charme aus. Kern findet einen beinahe nostalgischen Tonfall für seine Musik, unwiderstehlich in Verbindung mit Wodehouses liebenswert-skurrilen Texten. Da werden die Vorzüge eines imaginären Landes Bongo am Kongo besungen oder es trauert ein Einbrecher seiner Zeit im Gefängnis nach – dort blühten die Tulpen so schön.  Und dann gibt es noch „The Enchanted Train“, den Vorortzug. Ein bisschen langsam zwar und ziemlich stickig, doch so zauberhaft, weil er den Pendler allabendlich zu seiner Liebsten nach Hause bringt.

Obwohl Kern vor allem in den Princess Theatre Musicals darauf hingearbeitet hatte, der Musical Comedy eine geschlossenere Form zu geben,  beugte er sich auch dem Diktat des Geldes und des Zeitgeschmacks und arbeitete an Projekten, die seinem Ideal nicht entsprochen haben können; etwa „Sunny“, zu dem Kern 1925 die Musik komponierte. Das war eines der Anfang der 20er Jahre so beliebten Musicals mit Cinderella-Thematik. Vor allen Dingen aber war es ein Star-Vehikel, in dem neben der damals berühmten „Pavlova des Broadway“ Marilyn Miller eine Reihe weiterer Tänzer, Komiker, Schauspieler und eine Tanzband auf der Bühne ins Geschehen integriert werden mussten.
Oscar Hammerstein II, einer der Textautoren,  beschreibt, wie es bei der Arbeit zuging:

„Unsere Aufgabe war es, eine Geschichte zu erzählen mit einer Besetzung, die wie für eine Revue zusammengestellt war. Charles Dillingham, der Produzent, hatte Cliff Edwards unter Vertrag, der sang und die Ukulele spielte und als „Ukulele Ike“ bekannt war. Sein Vertrag verlangte, dass er seine Nummer zwischen 10 und Viertel nach 10 absolvierte. Also mussten wir unsere Geschichte so konstruieren, dass Ukulele Ike während dieser Zeit auftreten konnte, ohne den Verlauf der Handlung zu stören.“

Das hing mit weiteren Auftrittsverpflichtungen des Künstlers zusammen, der davor und danach in ähnlich spukhafter Weise in anderen Produktionen auftauchte. Ukulele Ike war übrigens der erste von zahlreichen Interpreten des Songklassikers „Singin’ In The Rain“ – und später die Stimme von Jiminy Cricket in Walt Disneys „Pinocchio“.

Forts. folgt

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