Der unschöne Schein

betr.: 80. Geburtstag von Rex Gildo

Anfang der 80er Jahre sah ich mir mit meiner Schwester eine Ausgabe von „Alles oder nichts“ an, einer TV-Rateshow mit einem jeweiligen Spezialthema. Der Schlagersänger Rex Gildo war geladen, um zu Beginn der Sendung in das Thema „Amerikanisches Musical“ einzuführen. Er kam mit seinem Vollplayback aus der Urbesetzung der deutschen „My Fair Lady“ aus der Kulisse spaziert – der Aufnahme von 1961, die auch nur kurz angespielt wurde.
Max Schautzer begrüßte ihn kurz und ließ ihn dann ein paar Worte zur Geschichte des Broadway sagen. Gildo schwieg, und ein Zuspieler wurde gestartet.
„Nun sieh sich einer diesen Rex Gildo an!“ sagte meine Schwester leise, aber ehrlich verstimmt. „Steht nur da rum, und alles, was er zu tun hat, kommt vom Band!“ Obwohl der Künstler in diesem Falle natürlich nicht schuld war, hatte das Mädchen den Kern der Sache doch trefflich freigelegt. Rex Gildo saß längst in der Falle einer Künstlichkeit, die ihn ebenso unerbittlich umschloss wie seine falsche Sonnenbräune.

In den Jahren danach begannen die Schlagerstars der 70er zu altern und gingen im Rentensystem des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf. Das ZDF produzierte diese nostalgischen Heck-Vampiriaden in so unerbittlicher Menge, dass die einschlägigen Künstler sicher dem Burn-Out verfallen wären – hätten dieses Krankheitsbild und der mdr damals schon existiert.

Rex Gildo sang grundsätzlich „Fiesta Mexicana“ – noch so ein luftdichter Würgegriff, aus dem es kein Entkommen gab. Zumindest in seinem Falle.
Einige seiner Kollegen nahmen es sichtlich mit Humor, immer wieder mal mit den ein, zwei Liedern rauszumüssen, die von ihrer Karriere geblieben waren, zumal sie ja niemand zwang. Andere hatten sich dieser Sparte entwunden – so die zeitweilige Gildo-Duettpartnerin Gitte, die längst erfolgreich ins anspruchsvollere Fach gewechselt war.

In den 90ern geschahen zwei Dinge, die Rex Gildo eigentlich so gepaßt haben könnten: der Schlager wurde nostalgisch (wenn auch mit ironischen Aspekten) wiederbelebt (- das nütze dem Sänger nichts, denn er nahm sich und das Genre viel zu ernst), und eine Liberalisierung der homosexuellen Lebensweise nahm ihren Lauf. Damit wollte er nichts am Hute haben. Rex Gildo war der Inbegriff des Homosexuellen, der mit beiden Händen von innen die Schranktür zuhält und nicht merkt, dass die Rückwand fehlt.*
Als Rosa von Praunheim einige Prominente outete – freilich, um in erster Linie mal wieder sich selbst zum Thema zu machen – verzichtete er, soweit ich mich erinnere, auf die Nennung des Namens Rex Gildo. Irgendwie war der Fall zu offensichtlich und auch nicht relevant genug.

Gildos Ende war tragisch: nach einem für ihn typischen demütigenden Auftritt in einem Teppichlager, bei dem er wieder in das verhasste „Hossa! Hossa!“ aus seiner Fiesta hatte ausbrechen müssen, schloß er sich in der Toilette seines Münchner City-Liebesnestes ein, stritt sich mit seinem jugendlichen Liebhaber noch eine Weile durch die verrammelte Lokustür und sprang dann aus dem Fenster.
Die Nachrufe waren herzlos, aber im Wesentlichen fair. Es war gar nicht nötig, dieser tragischen Biographie noch Horror hinzuzufügen.
„Hoppsa!“ lautete die Überschrift eines der boshafteren.

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* Der amerikanische Sprachgebrauch befindet den als „out of the closet“, der sich zu seiner Homosexualität bekennt bzw. diese öffentlich nicht mehr leugnen kann.

 

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