Die wiedergefundene Textstelle: „Dieser rachsüchtige Gott!“

betr.: 95. Geburtstag von Barbara Stanwyck / „Die Dornenvögel“

Nach meiner Einschätzung gab es die besten Hollywood-Schauspieler des frühen Tonfilms bei Warner Brothers: Bette Davis, James Cagney und Barbara Stanwyck. Sie hatten den Vorzug, mich in ihren herzigen wie in ihren verderbten Auftritten gleichermaßen zu fesseln. Bei Barbara Stanwyck war es mitunter sogar irgendetwas dazwischen, z.B. in ihrer schönsten Rolle in „Sorry, Wrong Number“. Frank Capra nannte sie in seiner Autobiographie den „Liebling aller Regisseure, Schauspieler, Techniker und Statisten.“ (Ihr wichtigstes Werk, das soll hier nicht verschwiegen werden, war freilich die Frau ohne Gewissen in „Frau ohne Gewissen“.)
Bereits 1964 drehte sie ihren letzten Kinofilm, einen unterhaltsamen Gruseltrash von William Castle, und arbeitete danach nur noch fürs Fernsehen.
Doch dort durfte sie noch einmal in einem Welterfolg glänzen. Ihren vorletzten Part hatte sie in „Die Dornenvögel“, dem legendären Vierteiler nach Colleen McCollough.
Barbara Stanwyck ist Mary Carson, die greise, millionenschwere Herrin über gewaltige Ländereien in Australien. Sie stirbt bereits am Ende des ersten Teils, hält jedoch die Geschicke der handelnden Personen mittels einer testamentarischen Intrige bis zuletzt in eiserner Umklammerung. (Einen ähnlich langen Schatten wirft aktuell die tote Übermutter in der dänischen TV-Serie „Die Erbschaft“.)
Unmittelbar vor ihrem Selbstmord am Ende der Feier ihres 75. Geburtstags hat sie einen dramatischen Dialog mit dem von Richard Chamberlain gespielten Protagonisten Pater Ralph. Ich fand diese Szene so eindrucksvoll wie Stanwycks größte Kinomemente. – Und meine Erschütterung war umso größer, als ich sie Jahre später noch einmal eher zufällig auf Sky One erhaschte. Hier hörte ich nämlich erstmals den Originalton.
Mit der Stimme von Barbara Stanwyck.

MARY Pater, es wird Zeit für mich. Es ist schon fast Morgen.
(zur Gesellschaft) Aber bitte bleiben Sie noch! Amüsieren Sie sich!
(zu Ralph) Würden Sie mich hinaufbegleiten?
RALPH Natürlich.
Es war wirklich ein gelungenes Fest, Mary. Und ich hoffe, ein schöner Geburtstag für Sie.
MARY Mmmh … mein letzter. Ich habe das Leben satt, ich höre auf damit.
RALPH Ach, Unsinn. Sie haben doch schon für morgen etwas ganz Besonderes geplant. Haben Sie mir selbst erzählt.
MARY Ja, ich weiß, ich weiß. Aber ich werde nicht dabei sein. – Gib mir einen Abschiedskuß, Ralph!
RALPH (Ausweichend) Mary, gute Nacht! Schlafen Sie gut!
MARY Nein! Küß mich auf den Mund! Küß mich auf den Mund, als wären wir ein Liebespaar!
RALPH Mary, ich bin Priester!
MARY Priester? Du bist weder ein Mann noch ein Priester, du bist impotent und zu nichts nutze! Weder zu dem einen noch zu dem anderen!
RALPH Sie täuschen sich, Mary! Ich kann durchaus ein Mann sein. Aber als Mann könnte ich in Ihren Augen nie ein Priester sein! Und ich habe mich entschieden! Für den Priester.
MARY Mit dem freien Willen, den Gott uns zuerkannt hat! Und mit ebendiesem freien Willen entscheide ich mich dazu, dich zu vernichten, Priester! Auch, wenn ich dafür in die Hölle gestoßen werde! Aber ich werde dich in eine noch schlimmere Hölle stoßen!
RALPH Sie werden sich nur selbst vernichten. Durch Ihren unstillbaren Haß!
MARY Als Satan Christus in Versuchung führen wollte – tat er das, weil er ihn haßte oder weil er ihn liebte?
RALPH Sie lieben mich nicht!
MARY Ich habe dich immer geliebt! So inbrünstig, daß ich dich hätte töten können, weil du mich nicht wolltest.
Aber ich habe was Besseres gefunden!
RALPH Das ist keine Liebe. Ich bin der Stachel Ihres Alters, der Mahner, daß Sie nicht ewig jung bleiben.
MARY Lassen Sie mich Ihnen etwas sagen, Kardinal de Bricassart! Über das Altwerden und über Ihren Gott, diesen … diesen rachsüchtigen Gott, der unseren Leib zerstört und uns doch noch so viel Verstand läßt, daß wir es voller Qual gewahr werden. Innen in diesem lächerlichen Körper bin ich noch jung! Ich fühle noch, ich begehre noch! Und ich träume noch! Und ich liebe Sie noch,
oh Gott, und wie!(Mary hält sich davor zurück, zu weinen. Sie verschwindet in ihrem Schlafzimmer und läßt Pater Ralph stehen.

Barbara Stanwyck macht dem Betrachter die Tür vor der Nase zu. Wenige Jahre später öffnet sie sie wieder – im Vorspann ihrer letzten Serie: „Die Colbys“, Ableger der epischen Soap-Opera „Der Denver-Clan“.* Sie wird diese Serie bald auf eigenen Wunsch wieder verlassen und als Grund dafür, deren Qualität angeben („Das schlimmste Mistzeug, das ich je zu spielen hatte!“). Das ist beim Repertoire dieser Schauspielerin vielleicht gar kein so schlimmer Vorwurf.

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* siehe dazu auch die Blogs vom 23. Oktober 2014 und vom 23. November 2015.

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