Das Gegenteil von Spielberg

betr.: 3. Jahrestag des Amoklaufs von Aurora auf der Mitternachts-Kinopremiere von „Batman – The Dark Knight Rises“ / „Targets“ von Peter Bodganovich

Der Beginn der Karriere von Peter Bogdanovich ist ähnlich eindrucksvoll wie der seines bedeutenderen Kollegen Orson Welles – nur, dass es hier drei kleinere Meisterstücke waren, die ihn markierten. Beide Regisseure haben danach ihren Weg gemacht, kamen zur Höhe ihres Anfangs jedoch nie wieder hinauf. (Sie waren übrigens befreundet.)
In seinem Debüt nimmt Bogdanovich einen Archetypen der heutigen Zeit vorweg: den wohlerzogenen, wohlbehüteten und letztlich heillos verwöhnten jungen Amerikaner, der plötzlich zur Waffe (zu einem sorgfältig bereitgelegten Arsenal von Waffen) greift, um wahllos möglichst viele Menschen zu erschießen. Das war 1967.

„Bewegliche Ziele“ („Targets“) war einmal eine Fiktion und ein Kultfilm. Er kommt völlig ohne Botschaft daher. – Das bedeutet: er souffliert keine bestimmte Botschaft, sondern überläßt alle Ausdeutung dem als mündig vorausgesetzten Betrachter. Im Vergleich zu den folgenden beiden berühmten Bogdanovich-Filmen (einem Drama und einer Screwball-Comedy, beide famos) wirkt „Targets“ spröde und schmucklos, doch er hat nun einmal diesen köstlichen Vorzug, sein Publikum nicht zu unterschätzen.

Der unrühmliche Held hat das Gesicht eines netten Burschen von nebenan – nur in einigen wenigen irritierenden Augenblicken nimmt ihn die Kamera aus einem Winkel auf, der ihn abseitig und bedrohlich aussehen läßt, doch das ist so schnell vorbei, dass man glaubt, sich geirrt zu haben. Dieser junge Mann ist im Begriff, zu einem stinklangweiligen Abziehbild seines republikanischen Vaters zu werden. Dieser Perspektive entzieht er sich, indem er seine nach und nach zusammengekauften Waffen zunächst auf seine Mutter und seine Verlobte, dann auf einen Botenjungen, einige Verkehrsteilnehmer und schließlich auf die Besucher eines Autokinos richtet. (Der Vater, der diesem Jungen das Schießen beigebracht und es ihm als Kern einer anständigen Gesinnung verkauft hat, überlebt übrigens – eine der versteckten Pointen dieses perfiden Films.)

Geständnis_TargetsVor der Errichtung der sozialen Netzwerke mußten solche Bekennerschreiben noch auf der Schreibmaschine getippt werden und blieben unbebildert: „An alle, die es angeht: Es ist jetzt 11 Uhr 40. Meine Frau schläft noch, aber wenn sie aufwacht, werde ich sie umbringen. Dann werde ich meine Mutter töten. Ich weiß, dass sie mich erwischen werden, aber bevor ich sterbe werden noch mehr Morde geschehen.“

Zum ruhmlos gebliebenen Tim O’Kelly und dem Regisseur, der eine der Hauptrollen bekleidet, gesellt sich das prächtigste aller Filmmonster: Boris Karloff persönlich, der sich gewissermaßen selbst spielt. Er weist uns zu Beginn des Films (fast 40 Jahre nach seinem „Frankenstein“) darauf hin, seine Art von Horror sei überholt.  Dieses Statement könnte heute nicht beziehungsreicher sein – da das Sujet von „Targets“ sich alle paar Wochen in der amerikanischen Realität ereignet und da die Welt Gefahr läuft, an Donald Trump zu erkranken.

Dieser Beitrag wurde unter Film, Gesellschaft, Medienphilosophie abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Das Gegenteil von Spielberg

  1. Pingback: Dear Boris - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  2. Pingback: Die schönsten Filme, die ich kenne (7) – (9) - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>