Der blutende Wüterich

betr.: 46. Todestag von Fritz Kortner

Die Theaterlegende Fitz Kortner muß ein sehr unangenehmer Mensch gewesen sein. Selbst bei jenen, die voller Respekt über ihn berichten (oder gar eine Zuneigung erkennen lassen), hört man stets einen gruseligen Brummton durch. (Das hat Fritz Kortner mit Rainer Werner Fassbinder und Evelyn Hamann gemeinsam.) Zum Glück für uns interessierte Nachgeborene gibt es einen Syberberg-Film zum Thema, also eine stundenlange Abfilmung dieses Menschen in seiner natürlichen Umgebung mit einem Minimum an nachträglicher Manipulation durch Schnitte, unterlegte Musik, Einspieler etc. Diese „Kortnerprobe“ zeigt uns einen muffigen Despoten mit rollenden Glubschaugen, schimpfend, hadernd (auch mit der eigenen Rechthaberei), ohne dass je so etwas wie Inspiration, Liebe zur Kunst oder Freude an seiner Arbeit im Vordergrund stünde – die Probe als physische Vernichtung, als Schwerstarbeit unter Tage. Ein unablässig katzbuckelnder August Everding dient als Katalysator zwischen dieser Theater-Urgewalt und dem schüchternen Betrachter des Films.

Auch der ebenso legendäre Kritiker Friedrich Luft deutete – hochachtungsvoll! – an, dieser große Mann, den er nach dem Krieg und dessen Rückkehr aus der Emigration persönlich kennenlernte, könnte schon eine ziemliche Nervensäge gewesen sein. Immerhin war Luft in der Position, über die Skurrilität Kortners auch öffentlich schmunzeln zu können, ohne etwa eine Retourkutsche in Form einer harschen Regieanweisung befürchten zu müssen. „Das war ein schwieriger Mensch“, erzählte Luft 1986 dem RIAS, „er machte es anderen sehr schwer, er nahm die Dinge sehr genau. Er war ungeheuer verliebt in Berlin, geradezu vernarrt in diese Stadt. Er befand sich ständig im Kampf mit ihr, weil er sich hier nicht ausreichend anerkannt fühlte.
Kortner war von einem ungeheuren Witz, von einem geradezu erfrischenden Zynismus, er konnte über andere Leute mit einer Häme herziehen, dass einem das Wasser im Munde zusammenlief. Er war hochgebildet, steckte aber voller eigener Schwierigkeiten, war sich selbst im Wege.“ Geliebt habe er ihn, setzt Luft noch hinzu.

Selbstverständlich gab es auch Meinungsverschiedenheiten.
1950 inszenierte Kortner im Hebbel-Theater seinen berüchtigten „Don Carlos“. Als in Madrid der Frieden ausbrechen soll, ließ er auf der Drehbühne eine Gruppe Soldaten nach vorne rotieren und ins Parkett schießen. Das Volk tat dem Regisseur den (unzweifelhaft beabsichtigten) Gefallen und ließ einen Skandal losgehen – sogar zu Notgeburten im Zuschauerraum soll es  gekommen sein.
Friedrich Luft erzählt: „Es war der zweite Tag nach der Premiere. Ich hatte meine Kritik über diesen ‚Don Carlos’ geschrieben – mit allen Vorbehalten und Irrtümern, die ich in der Aufführung gesehen hatte. Nun kam Kortner mit der Zeitung in der Hand zu mir. Es war ein schrecklicher Augenblick, als ich diesen von  mir eigentlich verehrten aber nun am gleichen Tage gescholtenen Mann vor meiner Türe stehen sah. Mit blutendem Gesicht – er war zu allem Übel auch noch vor meinem Haus hingefallen – wollte er mir nun erklären, wieso es richtig wäre, wie er gemacht hatte. Einige Tage später fuhr er noch nach Frankfurt zu meinem Chefredakteur. Eine Sekretärin rief mich an und sagte: ‚Herr Kortner ist hier. Er spielt Herrn Wallenberg gerade vor, wie er den ‚Don Carlos’ inszeniert habe, und das dauert jetzt schon zwei Stunden.’ Kortner war tief beleidigt und schrecklich verwundet. Ich glaube immer noch, dass ich recht hatte, aber es schmerzt auch, dass man als Kritiker so große Macht über solche Intelligenzen haben kann.“

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