Der Song des Tages: „Never Will I Marry“ oder „Psycho“ am Broadway

betr.: 47. Todestag von Frank Loesser / Anthony Perkins / „Greenwillow“ / „Psycho“

SPOILERWARNUNG: wer den Film „Psycho“ noch nicht gesehen hat, dem würde im folgenden Artikel die Pointe verdorben!

Anthony Perkins war ein hübscher Junge in eindimensionalen Liebhaberrollen – ein Schicksal vieler schwuler Hollywoodstars. Das änderte sich mit „Psycho“. Diese Rolle war nicht ungefährlich für ihn: ein derangiertes, schlitzendes Muttersöhnchen, das zuletzt auch noch – schrecklichster der Schrecken – im Kleid seiner Mutter auf der Szene erscheint. Doch Perkins hatte bereits seine Teilnahme an „Some Like It Hot“ abgelehnt, weil er nicht in Frauenkleidern agieren wollte. Dieser Mißgriff, ließ ihn erkennen, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist.
Selten folgt die berühmte zweite Chance, nach der wir uns alle zuweilen sehnen, so auf dem Fuße wie in diesem Fall: auch Alfred Hitchcocks „Psycho“ wurde ein Riesenerfolg und ein Klassiker.

Hitchcock und Perkins lagen auf einer Wellenlänge und verstanden sich prächtig. So kam der Regisseur seinem Star gern entgegen, als dieser an die Ostküste reisen wollte, um sein erstes Musical am Broadway zu proben. Dabei sah die Disposition zu diesem Zeitpunkt die zentrale Szene von „Psycho“ vor: den Duschenmord. Dass Perkins hier von einem Double vertreten wurde, ersparte ihm einen weiteren Auftritt in Damenkleidung, verhinderte, dass das Publikum ihn etwa erkennen und damit die Pointe des Films vorausahnen konnte und hatte noch einen Vorzug: der sexuell eher eingeschüchterte Schauspieler mußte nicht eine ganze Woche mit einer unbekleideten Dame in einer Badezimmerdeko zubringen.
Am Broadway erwarteten Anthony Perkins jedoch weitaus größere Schwierigkeiten: Frank Loesser, der Komponist und Texter der Show galt als homophob und bezweifelte Perkins’ Eignung für den Part.

„Greenwillow“ ist ein Märchen, das auf der gleichnamigen Erzählung von B. J. Chute basiert. Sein Schauplatz am Meander River ist weder räumlich noch zeitlich zu verorten. Eine Hexe hat die Männer des Dorfes in Bann geschlagen: sie müssen, ihre Familien und das traute Heim zurücklassend, rastlos die Erde durchwandern, dürfen aber gelegentlich nach Hause kommen, um ein Kind zu zeugen. Der Bann kann nur gebrochen werden, wenn ein Knabe mit der abendländischen Tradition bricht, eine Familie gründen zu wollen, und somit auch keinen „Wanderer“ mehr in die Welt zu setzen. Perkins’ wichtigste Solonummer „Never Will I Marry“ hat hier ihren Angelpunkt. (Sie war außerdem ein doppelbödiger Spaß für dessen schwule Fans im Publikum.)

Anthony Perkins, der keine ausgebildete Gesangsstimme besaß, kam nicht gegen das Orchester an und mußte (inzwischen allgemein üblich, damals ein Ärgernis) verstärkt werden. Auch mit der Tonlage hatte er Probleme – was nach dem Eindruck Ben Bagleys auf die böse Absicht Frank Loessers zurückzuführen war. Zu Perkins‘ Fürsprechern gehörte neben dem Regisseur der Show kein Geringerer als Stephen Sondheim, der den etwas verrutschen hohen Ton in „Never Will I Marry“, der sich auf dem Cast-Recording erhalten hat, sehr stimmig und überzeugend fand.
Im Laufe der Spielzeit kam der Sänger immer besser mit dieser Passage zurecht.
Der Song überlebte die Show und wurde von Judy Garland, Linda Ronstadt und – grandios! – von Barbra Streisand gecovert. Auch Anthony Perkins holte ihn immer wieder hervor. Das ist kein Wunder – schließlich hätte die Nummer auch gut zu Norman Bates und „Psycho – The Musical“ gepasst. Er sang sie auch 1985 in der TV-Sendung „Best Of Broadway“ – und scheiterte vollständig an den musikalischen Anforderungen, was noch durch seine fahle Erscheinung unterstrichen wurde.

„Greenwillow” ist als Album hörenswert, war aber als Show eine tutige, konfliktarme Ansammlung simpler Moralbotschaften von der Sorte, mit der Steven Spielberg etwas später zum erfolgreichsten Filmemacher aller Zeiten aufsteigen sollte. Für Frank Loesser stellte es sich als Flop zwischen den Hits „Guys And Dolls“, „The Most Happy Fella“ und „How To Succeed In Business Without Really Trying“ heraus.

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