Die wiedergefundene Textstelle: Bergmans Männerphantasie aus „Persona“

betr.:  9. Todestag von Ingmar Bergman

Für den Cineasten und Philosophen Slavoj Žižek ist die folgende Sequenz aus Ingmar Bergmans „Persona“ „wahrscheinlich die erotischste Szene der Filmgeschichte“. Dass sie in dieser Rubrik naturgemäß nur als Niederschrift erscheint*, ist kein Nachteil, denn sie bezieht die von Žižek erspähte Qualität aus dem Dialog – der Regisseur verzichtet auf eine Rückblende – und natürlich aus dem Anblick der beiden Schauspielerinnen Liv Ullmann und Bibi Andersson, die hier beisammensitzen.
Ingmar Bergman hat immer wieder Ereignisse in – zumeist nächtlichen – Zwiegesprächen aufgelöst. Das war eine sehr budgetfreundliche Vorgehensweise, doch das fiel nicht unangenehm auf. Niemals nehmen Bergmans Dialoge den unschönen Sound von Funktionstexten an, der im heutigen Kino mit seiner Vorliebe für Erzählerstimmen aus dem Off so häufig anzutreffen ist.

Karl-Henrik hatte ein Sommerhaus am Meer gemietet. Es war Juni, und wir hatten es ganz für uns allein. Eines Tages, als er in die Stadt gefahren war, ging ich zum Strand hinunter. Es war warm und wunderschön.
Da lag ein nettes junges Mädchen. Sie wohnte auf einer anderen Insel und war herübergepaddelt, weil unser Strand viel schöner und einsamer war. Wir lagen nebeneinander – splitternackt – und sonnten uns. Dann schliefen wir ein bißchen, wachten auf und ölten uns wieder ein. Wir hatten Hüte auf – du weißt ja, diese billigen Strohhüte. Ich hatte ein blaues Band um meinen Hut. Ich lag da und döste vor mich hin. Dann sah ich mir die Landschaft an und das Meer und die Wellen. Es war ein seltsames Gefühl.
Plötzlich sah ich zwei Gestalten auf den Felsen vor uns herumklettern. Sie versteckten sich und beobachteten uns. „Du, da beobachten uns zwei Jungs“, sagte ich zu dem Mädchen. Sie hieß Katarina. „Laß sie doch“, sagte sie und wälzte sich auf den Rücken. Und plötzlich hatte ich ein ganz komisches Gefühl. Ich wollte aufspringen, meinen Badeanzug anziehen, doch ich blieb liegen wo ich lag. Auf dem Bauch, den Hintern in die Luft, völlig ungeniert und gelassen. Und die ganze Zeit lag Katarina neben mir – mit ihren Brüsten und den starken Schenkeln, ganz ruhig und kicherte leise vor sich hin.
Dann sah ich, dass die Jungs nähergekommen waren. Sie standen stumm da und starrten uns an. Da hab ich erst gesehen, wie jung sie waren. Einer der beiden – es war der Frechere – kam auf Katarina zu und hockte sich ganz einfach neben sie in den Sand. Er tat so, als wäre irgendetwas mit seinem Fuß und begann mit seinen Zehen zu spielen. Jetzt hatte ich wieder so ein Gefühl.
Plötzlich hörte ich Katarina sagen: „Du! Du, Junge, komm mal her!“ Und sie nahm ihn bei der Hand und half ihm, die Jacke und die Jeans auszuziehen. Und mit einem Mal lag er auf ihr. Sie zeigte ihm, wie und hielt ihn am hintern fest. Der Junge auf dem Felsen stand auf und sah zu. Ich hörte, wie Katarina dem Jungen etwas zuflüsterte und lachte. Ich konnte sein Gesicht von nahem sehen. Es war ganz rot und geschwollen. Plötzlich drehte ich mich um und sagte: „Willst du nicht auch mal zu mir kommen?“ Und Katarina sagte: „Du mußt jetzt zu ihr gehen!“
Also ging er von ihr weg und fiel über mich her wie wild. Er packte eine meiner Brüste – oh, es hat so wehgetan. Alles war vorbei, bevor ich überhaupt zur Besinnung gekommen war. Ich wollte gerade sagen: „Paß auf, dass ich kein Kind bekomme“, aber da war’s schon vorbei.
Du kannst dir nicht vorstellen, wie das gewesen ist und was ich in dem Augenblick empfunden habe. Er packte mich bei den Schultern, beugte sich zurück und stieß zu. Wieder und wieder.
Katarina lag auf der Seite und sah zu und hielt ihn fest.
Als es für ihn vorbei war, nahm sie ihn in ihre Arme, vollendete das Spiel und benutzte dazu seine Hand. Dann stieß sie einen schrillen Schrei aus.
Dann lachten wir alle drei. Der Junge hat seinen Freund gerufen, der immer noch auf dem Felsen saß. Er hieß Peter. Er kam ganz benommen herunter und sah aus, als würde er frieren. Katarina knöpfte ihm die Hosen auf und fing an, an ihm herumzuspielen. Zuerst ganz vorsichtig und behutsam, um ihn nicht zu erschrecken. Als er kam, nahm sie ihn in den Mund.
Er beugte sich über sie und begann, ihren Rücken zu küssen. Dann nahm sie seinen Kopf in die Hände und gab ihm die Brust. Das hat den anderen Jungen so erregt, dass wir beide noch mal anfingen.
Es war wieder genauso schön wie beim ersten Mal.
Dann gingen wir baden und haben uns verabschiedet.
Als ich nach Hause kam, war Karl-Henrik schon aus der Stadt zurück. Wir haben zusammen gegessen und eine Flasche Wein getrunken, die er mitgebracht hatte.
Dann schliefen wir miteinander. So schön ist es noch nie gewesen, weder vorher noch nachher.
Kannst du das verstehen?
Natürlich wurde ich prompt schwanger. Karl-Henrik, der mitten im Staatsexamen stand, hat mich zu einem Freund mitgenommen, der mir geholfen hat. Wir waren sehr zufrieden, weil wir beide keine Kinder haben wollten.
Wenigstens war es damals so.

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* Die inhaltlichen Abweichungen der deutschen Synchronfassung vom Originaltext sind hier korrigiert.

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