Das war knapp!

betr.: 98. Geburtstag von Alan Jay Lerner

Der Textdichter Alan Jay Lerner ist eine Figur, die für die Geschichte des Musicals eine besondere Rolle spielt.
Es vergingen nur wenige Jahre vom künstlerisch-kommerziellen Höhepunkt dieser Kunstgattung bis zum Beginn ihres Niedergangs.
Diese Entwicklung läßt sich am gemeinsamen Spätwerk von Lerner & Loewe entlang trefflich nachzeichnen.

1956 – im Jahr nach dem endgültigen Durchbruch des Rock’n’Roll als neuer tonangebender Musikrichtung – krönen der Amerikaner Alan J. Lerner und der Österreicher Frederick Loewe ihr nicht unbeträchtliches Broadway-Schaffen mit einer altmodisch-operettenhaften Theateradaption namens „My Fair Lady“. Der unmittelbare Sensationserfolg geht augenblicklich um die Welt, dringt sogar bis hinter den Eisernen Vorhang, wird erfolgreich verfilmt und begründet die bundesrepublikanische Musical-Tradition. Gleich zwei Güteklasse-Übersetzer erschaffen die erste Musical-Übertragung ins Deutsche. Bis heute hält sich das Werk weltweit auf den Spielplänen.
Das Broadway-Musical ist auf seinem Höhepunkt, auch was die Wahrnehmung des Genres bei der breiten Bevölkerung angeht.

1958 endet mit der Mammutproduktion „Gigi“ die Ära des Filmmusicals. Lerner & Loewe behalten das siegreiche Konzept bei: abermals trägt die widerwillig eingestandene Liebe eines charakterlich lädierten Helden zur jungfräulich gezeichneten Titelfigur zu dessen Läuterung bei. Wieder ist eine Metropole der Alten Welt der Schauplatz. Auch der Zeitpunkt der Handlung, die Belle Époque, stimmt beinahe überein.
Nichtsdestotrotz: Filmmusicals rechnen sich nicht mehr. MGM, lange Zeit das wichtigste Studio dieses Genres, produziert mit aller Kraft noch diesen würdigen Abschiedsfilm und erringt damit tatsächlich alle neun Oscars, für die er nominiert ist (u.a. den als „Bester Film“).

Wieder zwei Jahre später legen Lerner & Loewe „Camelot“ vor, das sich m. E. als Schlußpunkt der Ära des klassischen Broadway-Musicals anbietet.* Wieder sind die Parallelen zum Vorangegangenen überdeutlich, aber diesmal hat auch die Originalität nachgelassen. „Gaston’s Soliloquy“ in Finale von „Gigi“ mag an Higgins‘ Soliloquy „I’ve Grown Accustomed To Her Face“ aus dem Finale von „My Fair Lady“ erinnert haben, aber sie funktionierte als eigenständige Darbietung. König Artus‘ selbstreflektiver Song „I Wonder What The King’s Doing Tonight“ aus „Camelot“ wirkt wie ein Selbstplagiat und ist dramaturgisch irgendwie sinnlos. Insgesamt wartet die Partitur mit einigen Glanzlichtern auf, hat aber längst nicht die durchgehende Qualität ihrer Vorgänger. Die weibliche Hauptrolle spielt Julie Andrews, die Ur-Eliza aus „My Fair Lady“.
Frederick Loewe zieht die Konsequenzen aus dem allgemeinen Bedeutungsverlust des Musicals (und einem Krach mit Lerner) und zieht sich aus der Branche zurück – wie viele andere Boradwayschaffende der alten Generation in jener Zeit. Er wird sich sogar weigern, Lerner zu unterstützen, als dieser 1973 „Gigi“ für die Bühne bearbeitet.
Alan Jay Lerner wird (wie schon zuvor) mit anderen Komponisten arbeiten – unter anderem mit Burton Lane an „O A Clear Day You Can See Forever“.
In den 60er und 70er Jahren wird das Musical in einer Nische verschwinden und viel grandiosen Trash hervorbringen. (Das ist eine andere Geschichte.)

Nachspiel:
Zuletzt macht der Autor dem Briten Andrew Lloyd Webber Hoffnung auf eine Zusammenarbeit. Er überlegt es sich anders, und sein Tod beendet bald darauf auch Webbers Versuche, ihn mit „dringenden Anrufen“ umzustimmen. „Phantom der Oper“ würde sonst heute wie eine benutzte Windel auf dem Lebenswerk eines der größten Songtexter in der Geschichte der USA liegen.
So steht am Ende von Lerners Weg nun „My Man Godfrey“, eine nicht fertiggestellte Arbeit, die aber nicht frei von Meriten ist. (Hören Sie sich mal „Garbage Isn’t What It Used To Be“ an – ich vermute, das findet man im Internet …)

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* Darüber kann man natürlich streiten. Der hochgeschätzte Mark N. Grant plädiert z.B. für das vier Jahre später entstandene „Hello, Dolly!“.

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Eine Antwort auf Das war knapp!

  1. john sagt:

    Lieber Monty,
    im vierten Absatz ist der Broadwayschaffende dem Tppfehlerteufel begegnet. Lasst Erstgenannten siegen.
    Demnächst Lunch, Filmabend … ?!
    LG

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