Die wiedergefundene Textstelle: „Zeros Ängste“

betr.: 39. Todestag von Zero Mostel

Der jüdische Schauspieler, Komiker und Musicaldarsteller Zero Mostel war ein Opfer der McCarthy-Ära, was dazu führte, dass er in der Blüte seiner künstlerischen Jahre nicht gedreht hat – ein schrecklicher Verlust. (Zumindest denke ich das bei der Betrachtung der meisten seiner späten Filmauftritte nach seiner Rückkehr nach Hollywood.)
Sein Auftritt in der „Muppet Show“ zeigt ihn zwar etwas unterhalb seiner Möglichkeiten – so verdeckt der Vollbart, den er hier leider trägt, kostbare Quadratzentimeter seines Mienenspiels – doch sein Gedicht über Phobien war ein schöner Vorwand, all die Monster mal in einer Szene gemeinsam auftreten zu lassen und ist im Zeitalter der Volkskrankheit Angststörung ein beziehungsreiches Kabinettstückchen.

Zeros Ängste
Übersetzt von Eberhard Storeck

Es ist spät, spät in der Nacht. Die Welt schläft. Ich bin hier allein! Hierher komme ich oft in der Nacht. Ich komme hierher, um mit meinen Ängsten fertig zu werden.
Oh, sie sind hier. Sie umgeben mich dauernd. Sie sind immer gegenwärtig, sie lauern und verstecken sich und warten. Sie kommen und sie gehen.
Wenn sie weg sind, sind sie niemals weit. Und hier – alleine in der Nacht -bin ich mit ihnen konfrontiert. Da sind sie, die mich heimsuchenden Ängste.

Angst vor Hunger. Angst vor Schmerz.
Der letzte Zug fährt himmelwärts.
Angst vor dem Zahnarzt der bohren will.
Klopf nicht mein furchtsames Herz, schweige still.
So bleibe ich gebunden in tausendfacher Furcht,
aber sind sie erst mal gezähmt und bezwungen,
so kann man sie bannen mit wütender Zunge.
Was bleibt, sind Schleier einer aufgewühlten Phantasie.
Aber schon schleichen sich neue Ängste nach vorne.
In Angst vor Ratten, die Angst vor Mäusen,
vor den Chefkassiererinnen in Bankgehäusen
und dann die unbestimmbare Furcht,
ich werde ein Frosch und bin übergelurcht.

Angst, dass der Fahrstuhl stecken bleibt
und der Steuereintreiber Geld eintreibt.
Und dann die Angst, daß man mich einmauern wird
und daß sich wochenlang keiner verirrt
in den feuchten und dunklen Keller –
und die Spinnen ihr Netz um mich weben und stricken
und die Würmer mich fressen,
und ich muss sie erblicken,
die Käfer und wimmelnde Kreaturen …
Mitternacht schlägt es von allen Uhren.
Aber, auch die kann man verdrängen und bannen,
und im Handumdrehen sind sie von dannen.

Schon beschleicht dich neue Furcht.
Angst vor Kugeln die um dich fliegen.
Angst du könntest ´ne Glatze kriegen.
(Mr. Mostel hebt furchtlos sein Toupet hoch …)
Angst, du wachst eines Morgens auf
und schlägst deine Augen im Himmel auf.
Doch auch diese Ängste kann man besiegen.
Man sieht sie wie Gespenster weg fliegen.
Was bleibt, sind Schleier einer überhitzten Phantasie.
Doch dann die nächste Angst dich beschleicht –
genau wenn die vorherige von dir weicht
und ich weiß, das ist dann die letzte Furcht
und ich bin ein Frosch und übergelurcht.

Sie kommt, wenn die Turmuhr zwölfe schlägt
– auf leisen Sohlen – und nichts sich bewegt.
Sie besiegt mich dann, sie wird mich bezwingen,
wird mich zum Weinen und Zittern bringen.
Und ich verfehle den Halt und verliere das Steuer,
ich lös‘ mich in Luft auf und –
es stutzt das Ungeheuer.

 

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