Broadway’s Like That (26): Die Depression im Kino

6. Politik im Musical der 30er Jahre (4)

In den 30er Jahren schlug sogar in Hollywoods Traumfabrik das soziale Gewissen – und das nicht etwa nur in realistischen Filmen, sondern auch im Musical. Die apotheotische Schlussnummer des Musical-Films „Gold Diggers Of 1933“ zollt pathetisch dem „forgotten man“ Tribut,  dem vergessenen Weltkriegsveteranen. Diese Nummer ist ein direkter Reflex auf den „Bonus March“ von 1932, eine in Washington brutal niedergeschlagene Demonstration mittelloser Veteranen. Die Filmnummer gestaltete der Choreograph Busby Berkeley, sonst eher bekannt für seine ornamentalen Mädchenarrangements, von dem noch die Rede sein wird. Eine offensichtlich zur prostituierten gewordene Frau beklagt hier das Schicksal ihres „forgotten man“, der statt sein Feld zu pflügen in den Krieg geschickt wurde. Die Bilder zeigen Soldaten umjubelt fortziehen, verwundet zurückkehren und schließlich als Zivilisten um öffentliche Speisung anstehen. Das expressionistisch-ornamentale Schlußtableau glorifiziert den mittellosen Heimkehrer.
Al Dubin und Harry Warren haben „Remember My Forgotten Man“ geschrieben. Busby Berkeley läßt ihn als minimalistischen Blues beginnen und im Finale an die Massenszenen aus Fritz Langs „Metropolis“ erinnern.

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„Remember My Forgotten Man“ ist eine Production Number von opernhaften Ausmaßen,  funktioniert aber auch als Solonummer mit reiner Klavierbegleitung ganz hervorragend. Obwohl für Hollywood geschrieben, weist dieser Song somit die typischen Qualitäten der Tin Pan Alley auf.

Wenden wir uns nun endlich  John P. Wintergreen zu, in dessen Wahlkampagne wir ja schon am Anfang des Kapitels hineingeraten waren. Er ist eine der Hauptfiguren der beiden thematisch verbundenen politischen Satiren, die nach „Strike Up The Band“ noch aus der Zusammenarbeit der Gershwin-Brüder mit George S. Kaufman und Morrie Ryskind hervorgegangen sind. „Of Thee I Sing“ von 1931 nimmt satirisch die Präsidentschaft aufs Korn. Es fand 1933 seine Fortsetzung in „Let ’Em Eat Cake“, einem haarsträubenden, absurden Stück über eine fiktive Diktatur mit faschistischen Zügen in Amerika. Besonders „Let ’Em Eat Cake“ ist von einer ähnlich bizarren Komik geprägt wie man sie auch in zwei Filmen aus der selben Zeit, ebenfalls mit politisch eingefärbter Thematik findet: „Duck Soup“ („Die Marx Brothers im Krieg“) der Marx Brothers von 1933, in dem Groucho als Regent von Fredonia sein Unwesen treibt, und „A Million Dollar Legs“ („Beine sind Gold wert“), von 1932, der W.C. Fields als den aufs Kräftemessen versessenen Staatslenker von Klopstockia zeigt. Musikalisch lassen „Of Thee I Sing“ und „Let ’Em Eat Cake“ die damals gültigen Musical-Comedy-Konventionen weit hinter sich. In ihnen intensiviert George Gershwin ein Prinzip, das er ansatzweise schon in „Strike Up The Band“ angewendet hat, nämlich Handlungsverläufe weitaus enger mit der Musik zu verknüpfen als es einzelne Songs, Tanzsequenzen und Underscoring zulassen. Musikalischer Überfluss in konsistente Partituren gefasst – das Kennzeichen der Musik zu diesen beiden Satiren. Gerade sie machen auch deutlich, dass Gershwins Oper „Porgy & Bess“ kein zufälliger Geniestreich war, sondern auf den Erfahrungen eines innovativen Theaterkomponisten aufbauen konnte. Leonard Bernstein hat in „Of Thee I Sing“ einen Höhepunkt der amerikanischen Musikgeschichte gesehen. Hätte er „Let ’Em Eat Cake“ gekannt, hätte er sein Lob zweifellos erweitert.

1932 wurde „Of Thee I Sing“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Da dies aber ein Preis für Drama war, ging George Gershwin leer aus, eine Pointe, die zum absurden Kontext der Stücke passt. In „Of Thee I Sing“ hat John P. Wintergreens Wahlkampagne Erfolg. Er wird Präsident. Das Versprechen, auf dem sein Wahlkampf beruhte, die Gewinnerin eines Schönheitswettbewerbes zu heiraten, löst er allerdings nicht ein. Da diese Südstaatenschönheit aber sowohl hartnäckig ist, als auch hochstehende (wenn auch illegitime) französische  Vorfahren hat, gerät Wintergreen in allerlei persönliche und diplomatische Verwicklungen. Wenn er jetzt zu Wort kommt, erklärt er, warum er nicht die Schönheitskönigin Diana Deveraux, deren Vorzüge zuvor noch ausgiebig gerühmt werden, heiraten kann. Seine Auserwählte, Mary Turner, macht nämlich so gute Corn-Muffins, Maisküchlein.
Forts. folgt

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