Wenn der Weinvertreter kommt

betr.: 4. Todestag von Herbert Rosendorfer

Ein guter Autor beherrscht Inhalt und Form. Der Inhalt wird ihm entweder durch ein bewegtes Leben eingegeben (was in unserer durchaus bewegten aber für viele sehr bequemen Epoche gar nicht mal so einfach ist) oder durch Studien: den Konsum älterer großer Geschichten (worauf ein Großteil der Menschen, vor allem Autoren, heute freiwillig verzichtet). Die Form muß an einem reichhaltigen Konsum langsam wachsen. Auch ein persönlicher Stil braucht Vorbilder – je mehr davon, desto persönlicher ist der Stil.
Eine Königsdisziplin fähiger Autoren ist die Parodie, also die Rückkehr zu einem ganz bestimmten Vorbild (zu einem Idiom oder einem Künstler), ohne von dort einfach nur abzuschreiben.
Loriot hat am Beispiel seiner „Familie Hoppenstedt“-Episode, in der der Weinvertreter kommt, einmal erklärt, er selbst habe nie einen Weinvertreter getroffen, aber so wie der Herr in seinem Sketch, so habe er sich das Verhalten und die Sprache dieser Leute eben vorgestellt. Auch die meisten seiner Zuschauer kennen persönlich sicher keinen Weinvertreter, und doch legt der Erfolg dieser Szene nahe, dass er den Ton gut getroffen hat.

Der Südtiroler Schriftsteller und Dramatiker Herbert Rosendorfer (ich habe ihn immer als Münchner  wahrgenommen) hat zwei Drehbücher für die Serie „Der Alte“ geschrieben – in jenen Tagen, als noch der Uralte Siegfried Lowitz ermittelte. Dass die olle, körnige Folge „Eine große Familie“ vom 2. November 1979 noch immer so viel Spaß macht, liegt nicht nur am köstlichen Darstellerensemble – so spielt Horst Frank hier einen Experten für babylonische Keilschrift (eine wirklich mausetote Schrift, eine Orchideenkunst) – sondern auch an Rosendorfers  feinen sprachlichen Abstufungen. (Ganz so bunt wie im unten abgebildeten Beispiel muss man es ja nicht unbedingt treiben …)

keiliDieser babylonische Rosendorfer-Textanfang lautet übersetzt: „Was unter den Augen des ewigen Himmelsgottes Anu, des ewigen Erdengottes Beel, was im Land zwischen den Strömen noch nie gehört …“

Woody Allen brachte den Beruf des Medien-Autors so auf den Punkt: „Ich schreibe, was die Leute bestellen. Wenn jemand ein russisches Drama braucht, dann setze ich mich hin und schreibe das.“ Weiterhin gilt natürlich die alte Schaustellerweisheit: „Wenn dich jemand fragt: Kannst du Seilspringen? dann sag ja! – Es wird schon nicht dazu kommen!“
Und wenn es doch dazu kommt, wird sich eben gekonnt was zusammengereimt. Wie bei Loriot.

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