Erst unscharf, dann unsichtbar

betr.: 150. Geburtstag von H. G. Wells

Von den Mythen, die der phantastische Schriftsteller Herbert George Wells in die Welt gesetzt hat, ist die Unsichtbarkeit weniger erstrebenswert. Bereits der Umstand, dass sich der betroffene Held nicht nach Belieben vom einen in den anderen Zustand versetzen konnte, machte seine Situation eher zu einer Notlage. In Jugendtagen sah ich das völlig anders, und insofern kam die kurzlebige US-TV-Serie „Der Unsichtbare“ genau zur rechten Zeit. Sie lief 1978 im regionalen Vorabendprogramm der ARD, und ihr Hauptdarsteller David McCallum hatte schon eine legendäre Serienrolle hinter sich (die ich noch nicht kannte): in „Solo für O.N.C.E.L.“. Wir hatten ihn alle schrecklich lieb – trotz seiner unmöglichen Frisur.
Die Serie „The Invisible Man“ wurde von Universal produziert, dem traditionellen Hollywoodstudio für Gruseliges und Phantastisches, und übernahm von der Vorlage nur das Allernötigste.
In der Gegenwart des Jahres 1975 entwickelt Dr. Daniel Westin eine Apparatur, die unsichtbar machen kann. Als die Regierung diese Erfindung für militärische Zwecke nutzen will, unternimmt er eine Selbstbehandlung, zerstört die Maschine und flieht. Ein befreundeter Gesichtschirurg stellt ihm eine Maske und Handschuhe her, die er fortan tragen muss. Diese sind so überzeugend, dass Westin seine Unsichtbarkeit geheimhalten und für detektivische Spezialeinsätze nutzen kann. Er wird also, unterstützt von seiner reizenden Frau Kate, zum Spezialagenten. Will er unsichtbar werden, braucht er sich nur auszuziehen. Die betreffenden Szenen waren preiswert, aber wirkungsvoll: ein Kameramann lief die meiste Zeit durch die menschenleere Dekoration, und der Betrachter konnte sich seinen Teil denken.

Ich fand den „Unsichtbaren“ nicht nur spannend und amüsant, er schreckte auch meine medienkundlichen Instinkte auf. Immer, wenn das Bild schmierig und unscharf wurde, wusste ich: gleich nimmt Dr. Westin seine Maske ab. Die auf Film produzierte Serie gestattete sich in Tricksequenzen das Umswitchen auf Videotechnik (auf das damals wirklich vorsintflutliche amerikanische NTSC-System). Danach wurde das Bild mit dem nächsten Umschnitt wieder scharf.
Einige Jahre später wurde die komplette US-Fernsehserienproduktion aus Kostengründen auf die nach wie vor mangelhafte Technik umgestellt, und selbst glamouröse Sendereihen wie „Dallas“ oder „Der Denver-Clan“ sahen urplötzlich unfassbar dreckig und billig aus. Dieser räudige Look ist heute das untrügliche Erkennungszeichen der US-Serien aus den Achtzigern.

Viel wichtiger aber war, dass es in „Der Unsichtbare“ ein paar Episoden gab, um die es einfach schade ist. „Klimpergeld“ ist eine kleine Filmkomödie, in der die Geschichte eines umgekehrten Banküberfalls erzählt wird: das Geld, das eine liebenswerte kleptomanische Lady gestohlen hat, soll heimlich in den Tresor zurückgeschmuggelt werden. Nun geraten mehrere Teams von echten und falschen Bankräubern aneinander, die unpraktischerweise alle Frankenstein-Masken tragen. In der weitaus grimmigeren Folge „Rotes Licht wird teuer“ stranden die Westins in einer durch und durch korrupten Kleinstadt und gehen den örtlichen Ordnungmächten in die Falle – Pech für die Ordnungsmächte. Derart gutgebaute Geschichten sucht man vergebens im heutigen Blockbuster-Kino.
Andererseits fehlen die beiden Folgen, auf die die ARD seinerzeit verzichtete, zu recht. „Der Unsichtbare“ ist ein Paradebeispiel für ein wundervolles Konzept, das im Handumdrehen völlig auserzählt war.
Im selben Jahr trat David McCallum noch in unserem turnusmäßigen Adventsvierteiler „Die Abenteuer des David Balfour“ auf. Das war kein gutes Omen. Für viele Jahre wurde er nun wirklich unsichtbar. (Erst im Jahre 2003 materialisierte er sich wieder in „Navy CIS“.)

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* Die leider bis heute unveröffentlichte Filmmusik stammte von Henry Mancini. Die Serie selbst gibt es seit 2013 auf Universal-DVD und Blu-ray.

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