Die wiedergefundene Textstelle: „Das Dunkle am Ende der Treppe“

betr.: 66. Jahrestag der Londoner Premiere von „The Dark At The Top Of The Stairs“

Ich liebe Südstaatendramen und – ganz unabhängig davon – auch diesen kleinen Monolog aus „Das Dunkle am Ende der Treppe“, obwohl er erhebliche Unterschiede zu meinem Leben aufweist. Die beschriebene Militärakademie wurde in der Realität durch den Beruf meines Vaters (Dorfpolizist) eher konterkariert, und in meine Mutter war ich keineswegs verliebt. Eigenartigerweise fiel mir das aber zunächst gar nicht auf – die Identifikation war vollkommen.

William Inge_Four Plays

Verzagt blickt William Inge am Betrachter vorbei – wie auf allen Fotos, die ich von ihm kenne.

Der Dramatiker William Inge wurde zeitweise als neuer Tennessee Williams gefeiert, und die vier Dramen, die im abgebildeten Band versammelt sind*, wurden allesamt mit Starbesetzung verfilmt. Von diesen Filmen (und vom Autor selbst) ist nur noch „Bus Stop“ übrig, der in den hin und wieder erscheinenden Marilyn-Monroe-Boxen mitgeschleppt wird. William Inge nahm sich das Leben, weil er die Fähigkeit zu schreiben nach eigener Einschätzung verlor und das Vergessen fürchtete – letzteres zu recht.

SAMMY
Ich mache mir immer Gedanken darüber, dass die Leute mich nicht mögen könnten, wenn ich zu einer Party gehe. Ist das nicht verrückt? Haben Sie auch manchmal so ein schlimmes Gefühl im Magen, wenn Sie vor irgendetwas Angst haben? Also, ich möchte auf keinen Fall eine Party versäumen, aber immer wenn ich zu einer gehe, habe ich das Gefühl, als wäre die ganze Welt gegen mich.
Sehen Sie, ich war mein ganzes Leben auf Militärakademien. Meine Mutter hatte da, wo sie lebte, keinen Platz für mich. Und sie …  sie wusste einfach nicht, was sie sonst mit mir machen sollte. Aber Sie dürfen das mich missverstehen mit meiner Mutter. Sie ist wirklich ein sehr lieber Mensch.
Ich schätze, jeder Junge denkt, seine Mutter sei schön, aber meine Mutter ist es wirklich. Sie sagt mir in jedem Brief, den sie mir schreibt, wie traurig sie ist, dass wir nicht mehr zusammen sein können, aber sie muss an ihre Arbeit denken.
Einmal sind wir doch zusammen gewesen. Wir haben uns in San Francisco getroffen und sind zwei Tagelang zusammen gewesen. Ich durfte sie zum Essen ausführen, in eine Show und zum Tanzen. So als wären wir ein Liebespaar. Das war wirklich die schönste Zeit, die ich je hatte.
Und dann musste ich zurück in die alte Militärakademie.
Jedesmal, wenn ich in diese Kasernen komme, kriege ich so was wie ein deprimierendes Gefühl. Es gibt da dicke Steinmauern. Überall hängen die Bilder von Generälen herum … oh, das sind sehr feine Gentlemen, aber sie sehen so streng und hartgesotten aus … Sie wissen, was ich meine.

(CORA und LOTTIE stehen beisammen, lauschen SAMMYs Rede mit mütterlichen Gefühlen. FLIRT ist gelangweilt. PUNKY ist dabei, einzuschlafen, und nun erschreckt er die anderen mit einem plötzlichen gut vernehmbaren Gähnen.)

O Gott, ich glaub‘, ich hab sie genug gelangweilt mit meinen Geschichten.

CORA und LOTTIE
Oh, nein! Keinen von uns.

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* ISBN 978-0-8021-3209-3. Auf Deutsch wurde dieser Sammelband nicht verlegt, und auch an die Verfilmung von „Das Dunkle am Ende der Treppe“ ist seit langer Zeit nicht heranzukommen.

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