Die wiedergefundene Textstelle: „Marienbader Mahabharata“

betr.: 55. Jahrestag der deutschen Uraufführung von „Letztes Jahr in Marienbad“

„Letztes Jahr in Marienbad“ ist das, was man einen typischen Arthaus-Film nennen könnte: stilwillig, von makelloser Schönheit und für den volktümlichen Kinofreund vollkommen unzugänglich. Er spielt in einer prachtvollen barocken Gartenanlage, deren Bäume irritierenderweise keine Schatten werfen …
In ihrem Buch „Gartenkunst im Spielfilm“ hat Nina Gerlach belegreich aufgezeigt, wie untrennbar das Böse mit dem Garten verbunden ist – beginnend mit der Schlange, die seit jeher da hineingehört – und wie häufig im Kino die von Menschenhand begradigte und gestutzte Landschaft ein Schauplatz des Schrecklichen ist. Bereits das älteste bekannte Filmfragment aus dem Jahr 1888 zeigt einen Garten, durch den unscharfe Gestalten huschen. Bald darauf gibt es bei den Gebrüdern Lumière den ersten Gartenschlauch-Gag. Gerlach erblickt im gehegten Grünen „die Urform des cineastischen Sets.“ Sie erinnert an den finsteren Mogul „Citizen Kane“, der inmitten einer neubarocken Gartenlandschaft langsam verrottet, an die Hinrichtungsszene in Stanley Kubricks „Paths Of Glory“ im Barockgarten von Schleißheim, an den rassenideologischen Bond-Bösewicht Hugo Drax aus „Moonraker“, der sich im ersten französischen Barockgarten niedergelassen hat

Zur betörend-verstörenden Atmosphäre von „Letztes Jahr in Marienbad“ trägt auch ein Endlos-Gedicht bei. Es beschreibt die Innenarchtektur des Schlosses, welches die Gegenwelt zur symmetrisch gescheitelten Umgebung mit ihrem umso maximalistischeren Prunk bildet. Immer wieder schleicht sich die säuselnde Stimme des Erzählers ein und wieder aus. Sie hat die Monotonie eines Rosenkranzgebetes. Das Drehbuch, auf dem diese rekonstruierte Langfassung beruht, schrieb Alain Robbe-Grillet.

(…) Schweigende Säle, deren schwere Teppiche die Schritte des Schreitenden dem eigenen Ohr verbergen, als ob selbst das Ohr dessen, der da schreitet, der da wieder einmal schreitet, diese Flure entlang, durch diese Säle, durch diese Galerien, in diesem Bauwerk einer anderen Zeit, diesem gigantischen Hotel, luxuriös, barock, schaudernd da schreitend, wo endlosen Fluren Flure folgen, lautlose Leere, überladen von düsterem, kaltem Zierrat, von Getäfel, von Stuck, von geschnitzten Füllungen der Türen, von bleichem Marmor, verblichenen Spiegeln, verblichenen Gemälden, von Säulen, von geschnitzten Rahmen der Türen,  von Fluchten von Türen, von Galerien, von Fluchten von Fluren, die wieder in leere Salons führen, in Salons, überladen vom Zierrat einer anderen Zeit, in schweigende Säle, deren schwere Teppiche die Schritte des Schreitenden dem eigenen Ohr verbergen, als ob selbst das Ohr dessen, der da schreitet, der da wieder einmal schreitet, diese Flure entlang, durch diese Säle, durch diese Galerien, in diesem Bauwerk einer anderen Zeit, als ob es Sand und Kies wäre, als ob es der feste Stein wäre, über den ich schritt, über den ich wieder einmal schritt, diese Flure entlang, durch diese Säle, durch diese Galerien, in diesem Bauwerk einer anderen Zeit, diesem gigantischen Hotel, luxuriös, barock, schaudernd da schreitend, wo endlosen Fluren Flure folgen, lautlose Leere, überladen von düsterem, kaltem Zierrat, von Getäfel, von Stuck, von geschnitzten Füllungen der Türen, von bleichem Marmor, verblichenen Spiegeln, verblichenen Gemälden, von Säulen, von geschnitzten Rahmen der Türen,  von Fluchten von Türen, von Galerien, von Fluchten von Fluren, die wieder in leere Salons führen, in Salons, überladen vom Zierrat einer anderen Zeit, in schweigende Säle, deren schwere Teppiche die Schritte des Schreitenden dem eigenen Ohr verbergen, als ob selbst das Ohr dessen, der da schreitet, der da wieder einmal schreitet, als ob dieses Ohr so weit entfernt wäre, so weit entfernt vom Grunde, von den schweren Teppichen, so weit von diesem düsteren, kalten Zierrat, so weit von jenem Fries aus Zweigen und Girlanden, altem Blattwerk gleich, als ob es noch Sand und Kies wäre, als ob es der feste Stein wäre, über den ich schritt, über den ich wieder einmal schritt, als ob ich zu ihnen schritt, vorbei an diesen Mauern von Täfelungen, von Stuckwerk, von Schnitzereien, von Gemälden, vorbei an gerahmten Stichen schritt ich, zwischen denen ich Sie erwartend einst stand, weit weg von diesem Zierrat, der mich jetzt umgibt, stehe ich, den erwartend, der von jetzt an nicht mehr kommen wird, der nicht mehr zu kommen droht, uns neu zu trennen. (…)

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