Dickköpfigkeit sei sexy!

betr.: 5. Jahrestag des „Auffliegens“ des NSU

Im Zusammenhang mit dem neuen Nationalpopulismus in Europa und der Wahrscheinlichkeit, dass die Amerikaner in wenigen Tagen einen Fachmann zum Präsidenten wählen, wurde in letzter Zeit viel über den Verlust der guten Sitten in der öffentlichen Debatte geklagt. Selbst, wenn Donald Trump nicht gewählt werden sollte, sei das gesellschaftliche Niveau auf Jahre vergiftet. Wir Europäer haben auch nach dieser Wahl noch genügend Personal, das diese Vergiftung weiter betreibt.

Dieses Problem hat noch einen Nebenschauplatz. Er ist vergleichsweise harmlos, aber dennoch treibt er mich um. Ein alter Hase des deutschen Showgeschäfts, der Name ist hier völlig unwichtig, wurde kürzlich im Fernsehen portraitiert. Sowohl er selbst als auch ein langjähriger Angestellter des Künstlers betonten in einzelnen Statements, wie wenig sich der Betreffende je die Butter vom Brot habe nehmen lassen, wie genau er immer wisse, was er tue, dass er sich nicht reinreden ließe u. dergl. Das wurde von beiden mehrmals betont, und ganz offensichtlich war es dem Portraitierten wichtig, diese Botschaft über die ganze Sendung zu verteilt zu wissen. In weniger dick aufgetragener Form wurde das auch anlässlich des Nobelpreises für Bob Dylan gesagt – hier natürlich ohne dessen Zutun. Die durchweg lieb gemeinten Dylan-Lobgesänge enthielten stets Begriffe wie „Aufmüpfigkeit“ und „Unbequemlichkeit“ als Komplimente. Schließlich ist Dylan ja ein großer Protestierer und Feuerkopf. Diese beiden Beispiele sind beliebig ausgewählt. Mangelnde Teamfähigkeit – sei sie nun selbst- oder fremdbehauptet, wahr oder gelogen – ist in der Unterhaltungsindustrie zu einem offiziellen Qualitätsmerkmal geworden. Das passt gut zum Klischee des Künstlers, der schließlich seine Vision gegen die Verhältnisse und den Dumpfsinn der jeweiligen Verantwortlichen verteidigen muss.
Wer tatsächlich Teil der Medienbranche ist, kann dieses Klischee nur schwer ertragen. Je größer und ertragreicher die Unterhaltungsbranche und je breiter der Mainstream wird, desto weniger Platz ist für Individualismus und persönliche Befindlichkeiten. Die geringste kritische Position – auch wenn sie nicht „persönlich“ ist, sondern der Sache dienen möchte – birgt das Risiko, zurückgepfiffen werden. Die beschriebene „Unbequemlichkeit“ darf ich sich nur erlauben, wer den Spielraum hat, nach unten zu treten.

Während das politische Leben zunehmend einer Feuerwehrübung in der Klapsmühle gleicht, lernt man als Künstler, was Artigkeit und Stillsitzen bedeuten.

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