„Keep It Gay, Keep It Gay, Keep It Gay!“*

betr.: 111. Geburtstag von Mantovani

Warnhinweis: Allen Musical-Fans, die älter als 35 sind oder aus den USA stammen, wird dieser Text inhaltlich nichts Neues berichten. Er entstand aus gegebenem Anlass.

Der Dean Martin-Biograph Nick Tosches nannte vor knapp 25 Jahren den Orchesterleiter Mantovani als exemplarisches Beispiel für den seichten Kitsch, unter dem die Kultur des Abendlandes in der amerikanischen Popkultur begraben wurde. Mantovanis allergrößter Hit, die Instrumentalschnulze „Charmaine“**, würde von einem jugendlichen Zuhörer des mp3-Zeitalters vermutlich für ein Stück klassischer Musik gehalten – was die Einordnung von Mr. Tosches gewissermaßen unterstreicht.
Aus meinen Gesprächen mit hiesigen Musical-Darstellern und meinen Studenten weiß ich, dass vielen von ihnen nicht bewusst ist, dass sie sich mit ihrer Kunst im Bereich des Camp befinden, einer Sparte unserer Unterhaltungsindustrie, die einem Großteil der Bevölkerung ein wenig unheimlich ist und die vom Rest genau dafür geliebt wird*** – im Gegensatz zu amerikanischen Kollegen, die sich über dieses Phänomen im Klaren sind. Der Hinweis, dass das Musical von außen betrachtet einen schwulen Touch hat (ähnlich wie das der Hochkultur zugehörige Ballett), wird von einigen von ihnen sogar als Angriff empfunden.

Seit den Ursprüngen des Genres im frühen 20. Jahrhundert gilt: Ein Musical muss einen schwulen Blickwinkel zumindest zulassen, will es gelingen und ein großes Publikum begeistern. (Von einem angestrebten Klassiker-Status will ich gar nicht erst anfangen, aber die Versuchung ist groß!)  Schließlich ist der Großteil seines Publikums weiblich oder schwul. – Das mag man beklagen, aber so sieht es aus! Autoren wie Cole Porter, Lorenz Hart, Leonard Bernstein oder Stephen Sondheim brachten das naturgemäß mit, aber auch die heterosexuellen Produzenten und Geldgeber des Genres dürften um dieses besondere Stimulans gewusst haben. Selbst in einem Unternehmen, das den Namen seines überaus konservativen Urvaters trägt, entstand eine Unzahl musikalischer Buddy-Movies, die heute vielfach auf die Bühne gefunden haben oder das alsbald tun werden: eine Grille, die einem hölzernen Bengele beisteht; ein großer, dicker Bär, der einen ahnungslosen indischen Teenager vor mehreren männlichen Nebenbuhlern beschützt, die diesen (zum Teil buchstäblich) vernaschen möchten; ein fliegender Junge, der es vollbracht hat, nicht mehr zu altern … Bezeichnenderweise war „Sleeping Beauty“, in dem dieser Twist weitgehend fehlt, in der Erstauswertung einer der wenigen Trickfilm-Flops von Walt Disney (trotz Breitwand und Stereoton). Der heiterste Abend, der sich zurzeit in einem  deutschen Musical-Theater erleben lässt, handelt von einem offensichtlich schwulen Dschinni, der dem appetitlichen Helden seine Zauberkunst zu Füßen legt. Die augenblicklich erfolgreichste Produktion der Branche wiederum hat eine intrigante Tunte zum Schurken, die auf den schrillen Kaiser Caligula aus Henry Kosters „The Robe“ verweist (- wenn dieser Bursche im Laufe der Zeit auch etwas ruhiger geworden ist). Dass die großen Broadway-Diven sämtlich auch (oder vor allem) Schwulen-Ikonen gewesen sind, ist eine Gesetzmäßigkeit, die sich von Ethel Merman über Bette Midler und Bernadette Peters bis hin zu Kristin Chenoweth beobachten lässt. Judy Garland wäre ohne ihre homosexuellen Fans (nicht zu reden von ihrem homosexuellen Regisseur und Ehemann Vincente Minnelli) schlichtweg nicht vorstellbar. Im Musical sind es mehrheitlich weibliche Stars, die Geschichte gemacht haben – im Unterschied zu Film, Fernsehen und Theater.
Selbstverständlich ist es jedem Betrachter freigestellt, diesen Aspekt zu übersehen, zu vernachlässigen oder gar zu negieren. In den wenigsten Shows tritt dieses Sujet als Thema des Abends in Erscheinung – in der harmlosen Verkleidungsklamotte „La Cage Aux Folles“ etwa oder in der „Rocky Horror Show“, wo die Furcht des Spießbürgers vor der Entfesselung der eigenen (Bi-)Sexualität als Unbehagen gegenüber Außerirdischen verkleidet wird. In „Hairspray“ hat sich das homosexuelle Moment der Filmvorlage von John Waters fast vollständig aufgelöst – obwohl die Adaption in den Händen von Harvey Fierstein lag, der den tragenden Part der Edna Turnblad in der Urbesetzung noch selbst gespielt hat.

Als DarstellerIn der Branche sollte man diesen Mechanismus (an)erkennen – unabhängig davon, ob man ihn persönlich teilt. Von Karl Kraus wissen wir, dass der Wurm dem Fisch zu schmecken hat und nicht dem Angler.
– Zumal schwul nicht die einzige Bedeutung des Wortes gay ist.

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* Song aus dem Musical „The Producers“
** Dieser Titel wird in dem Film „Einer flog übers Kuckucksnest“ in der Klapsmühle gespielt, um die Insassen einzulullen, siehe dazu auch den vorgestrigen Blog https://blog.montyarnold.de/2016/11/13/lufthoheit-ueber-dem-kuckucksnest/
*** Sie dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/10/04/eskapismus-fuer-geniesser-was-ist-camp/

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