Leben in der Bude

betr.: 97. Geburtstag des Großen Schauspielhaus in Berlin

Zwischen den Weltkriegen war Berlin eine Stadt, über die die Welt sprach. Sowohl ihre Subkultur (beschrieben z.B. im Musical „Cabaret“) als auch ihre Hochkultur, ja sogar die Welt dazwischen* befanden sich auf einem Höhepunkt. Berlin verfügte über eine Reihe von Theatern und Amüsierpalästen, die für mondän ausgestattete Weltstadtunterhaltung sorgten.  Reisende und Prominente aus aller Welt mussten die monumentalen Bühnenspektakel von Regisseuren wie Max Reinhardt oder den Gebrüdern Rotter gesehen haben. Aufblitzende bunte Leuchtreklamen, Champagner, tanzende Girls und Jazzmusik formten den inzwischen sprichwörtlichen „Tanz auf dem Vulkan“. Schon zu Beginn der 20er fasste Walter Mehring dieses Lebensgefühl in der Refrainzeile „Berlin, dein Tänzer ist der Tod“ zusammen.

Das Große Schauspielhaus wurde im Volksmund Tropfsteinhöhle genannt (dem Innenausbau des Architekten Hans Poelzig sei Dank, der für eine besondere Akustik sorgte) und präsentierte die in jenen Tagen aufwändigsten Shows. Der ehemalige Tänzer Erik Charell, der uns heute als Regisseur des Tonfilms „Der Kongress tanzt“ in Erinnerung ist, war der tonangebende Regisseur des Hauses. Die Stars waren Fritzi Massary und ihr kaum weniger ruhmreicher Ehemann, der Charakterkomiker Max Pallenberg. Charell engagierte Ralph Benatzky, um die populärsten Melodien der Johann-Strauß-Familie zeitgemäß zu arrangieren, um damit das Leben des unsterblichen Casanova zu illustrieren. Im Programmheft las sich das so: „Weite deine mächtige Brust, die geschaffen scheint, ein kostbarer Behälter deiner ungeheuren Manneskraft zu sein! Zeige die weißen Zähne deines Raubtiergebisses, das du in weiße Frauenleiber schlägst! Kaure dich zusammen zum Sprung auf die Frauen der Welt!“ Zur schimmernden Besetzungsliste – sie würde hier zu weit führen – gesellten sich sechs Debütanten, die sich „Comedian Harmonists“ nannten.

Danach griffen Charell und seine Autoren „Die drei Musketiere“ auf – und wieder fertigte Benatzky aus beliebten Kompositionen etwas an, was man heute Jukebox-Musical nennen würde. Was darauf folgte, ging um die Welt und ist bis heute nicht vom Spielplan runterzukriegen: „Im weißen Rößl“. Dieses Werk gilt noch immer als Benatzky-Operette, aber es waren noch drei weitere Komponisten und Texter beteiligt, und jeder lieferte einen eigenen Evergreen.
Als das „Weiße Rößl“ Premiere hatte, war der Zenith dieser Ära bereits überschritten. Der Börsenkrach hatte seinen Schatten auf eine Szenerie geworfen, die bald von den Nationalsozialisten „mit eisernem Besen ausgekehrt“ werden sollte.

Nach dem Krieg wurde Große Schauspielhaus zum Friedrichstadtpalast.

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* siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/18/ist-ein-chanson/

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