Hoch der Schleier!

betr.: das Ableben von Leonard Cohen und David Hamilton

David Hamilton begann seine Karriere mit Bildbänden, in denen er im Erblühen begriffene Mädchen erst weitgehend entkleidete und dann so tüchtig in Weichzeichner packte, wie man es so bis dato nur mit älteren Ladies getan hatte. Ich begegnete seiner Arbeit  Anfang der 80er, als ich mich für einen Jungen aus der Nachbarschaft interessierte (was schon deshalb aussichtslos war, weil er die Hamilton-Fotos viel lieber mochte als mich). Dort las ich auch den Namen Leonard Cohen – der Text seines Songs „Suzanne“ fungierte als Bildunterschrift.

Von beiden Künstlern – Hamilton und Cohen – hatte ich einen ersten Eindruck, der mir bis heute geblieben ist (was sich keineswegs in allen Fällen so abspielt).
Hamiltons Sujet interessierte mich nicht, und so hielt ich mich von seinen Büchern und Filmen fern. Trotzdem suchte er mich unentwegt heim, denn sein Einfluss auf die Filmkunst war damals viel größer als heute zugegeben wird. In jenen Tagen hatte sich seine oftmals braunstichige schwüle Schleier-Ästhetik über weite Teile des Mainstream-Kinos gelegt, unabhängig vom Genre. Die späten Komödien von Louis de Funès und Peter Sellers sahen ebenso dunstig aus wie britische Kriminalfilme und praktisch das Gesamtwerk von Brian De Palma, der sich als Hitchcock-Parodist abmühte. Sogar in amerikanischen TV-Produktionen blinzelte die Kamera gern mit verschmierter Linse ins Licht.

Etwa um die selbe Zeit hörte ich zum ersten Mal Leonard Cohen – und hier geschah etwas, was ich so kurz nach seinem allgemein bedauerten Ende nur hinter schlampig vorgehaltener Hand gestehe: bei den ersten Takten – es war wiederum „Suzanne“ – spürte ich, dass ich von diesem Künstler niemals etwas hören würde, was in Lautstärke, Tempo und Temperament darüber hinausgehen würde. Obwohl ich weiß Gott kein Rock’n’Roller bin, ließ mich diese Vorstellung frösteln. (Mein kindlich-naives Vorurteil hat sich bestätigt, wie jeder weiß, der das Werk von Mr. Cohen kennt.)

Im Abstand von Tagen sind nun beide von uns gegangen. Ohr und Auge desselben Hauptes. Beinah lebenslang getrennte Zwillinge. Im Tode vereint.

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