Die schönsten Comics, die ich kenne (7): „Popeye sucht einen Job“

betr.: 122. Geburtstag von Elzie Crisler Segar

„Popeye sucht einen Job“
Text und Zeichnungen: Bud Sagendorf
Übersetzung: Hansjürgen Meyer
Deutsch 1976 im Ehapa Verlag Stuttgart

Bud Sagendorf war der Schüler des Popeye-Erfinders Elzie Segar. Er zeichnete den Multi-Medienstar mit der Vorliebe für Spinat* sagen(dorf)hafte 56 Jahre lang. Stilistisch blieb alles weitgehend beim Alten, doch inhaltlich machte die Serie nach dem frühen Tod ihres Schöpfers eine Wandlung durch. Der gelegentliche stimmungsvolle Grusel verschwand, und auch der Humor wurde ein anderer. Dazu ein Beispiel aus der Segar-Ära: Popeyes Papa, ein weißbärtiger Seebär, prahlt mit den vielen Feinden, die er sich im Laufe seines langen Lebens gemacht hat. Zum Beweis stellt er uns einen mickrigen, ebenfalls weißbärtigen Wicht vor: „Während der letzten 75 Jahre hab‘ ich mir nur ein Freund gemacht, aber ich hab tausende von Feinden gemacht, die ich hasse. Ich kann’s nur mit Pokey Jones. Er ist immer noch mein Freund!“ Der Angesprochene ist damit offensichtlich überhaupt nicht einverstanden. „Früher war er mein Feind“, fährt der boshafte Alte fort. „Aber dann hab ich ihn mir betrachtet un‘ gesehn, dass er nich‘ wert ist, dass ich ihn hasse. So hab ich ihn zum Freund gemacht.“ Pokey kann nun nicht länger schweigen: „Du alter Geier! Du Ratte!“ flucht er und droht mit Prügel. Hochgerempelten Ärmels nähert er sich dem Mörder seines Rufes. „Du wirst doch so einen kleinen Knilch wie den da nicht schlagen!“ wirft der besorgte Popeye ein. Doch das hat Opa ja gar nicht vor. Während Pokey vor Wut beinahe platzt und hilflos-angeekelt mit den Beinchen strampelt, hebt Opa ihn hoch wie ein kleines Kind und knuddelt ihn …
Derart drastischen Existenzialismus sucht man bei Sagendorf vergeblich. Sein Witz ist weniger jüdisch als der seines Lehrmeisters.

Damit will ich die Arbeiten der Künstler keineswegs gegeneinander ausspielen: ich liebe sie beide von ganzem Herzen. Bei Sagendorf, der den opulenten Figurenkosmos seines Vorgängers beständig ausbaute und entwickelte (ähnlich wie es Carl Barks mit der Welt von Donald Duck gemacht hat), gibt es eine Szene, an der Marshall McLuhan seine helle Freude gehabt haben dürfte: Die Grommler – eine unterirdische Rasse von Steinzeit-Menschen – sind an die Oberfläche gestiegen. Einer der Grommler, der die Menschenwelt schon früher besucht hat, schildert seinem Begleiter die Flüche des industriellen Zeitalters. Durchs Fenster betrachten sie ein Telefon. „Das ist die schlimmste Maschine! Sie versklavt alle!“ erklärt er. „Wenn ihr langweilig ist, klingelt sie! Dann müssen die Menschen sie packen und mit ihr reden.“
In der Tat ist es eine Sagendorf-Geschichte, die mir im gedruckten Popeye-Repertoire in besonderer Erinnerung blieb. (Die Filme sind wieder eine andere Sache …)

Als Lokführer einer Bergarbeiter-Siedlung hat Popeye kein leichtes Leben. Der Bahnhof ist eine Ruine, die Lokomotive Schrott, und das Kartenhäuschen versinkt unter dem Müll, den die unzufriedenen Fahrgäste im Vorbeigehen zu werfen pflegen. Als Popeye sich freut, dass besonders viele Kunden Schlange stehen, hat er übersehen, dass gerade Montag ist (Beschwerde-Tag).
Unverdrossen bringt er den Saftladen auf Vordermann, säubert und repariert, doch ein Übel lässt sich nicht ohne Weiteres beseitigen. Das Reiseziel, die Kupfermine, liegt zwar in Sichtweite des Bahnhofs, doch eine tiefe Schlucht trennt die beiden Haltepunkte. Das beschert der Strecke einen Umweg von 130 Kilometern, Fahrzeit: zehn Stunden und zwanzig Minuten.
Außerdem eröffnet sein Erzfeind Brutus ein Schnellbus-Unternehmen und treibt Sabotage an Popeyes Maschinenpark. Um den Konkurrenzkampf der beiden für seine Zwecke zu nutzen, veranstaltet der Eigentümer der Kupfermine ein Wettrennen, das Brutus (durch eine Verkettung übler Zufälle) auch noch gewinnt.
Popeye beschließt, eine Brücke über die Schlucht zu bauen. „Kein Mensch wird ewig in einem Bus sitzen“, so seine Überlegung, „wenn er mit dem Zug in fünf Minuten zur Mine kommt!“ Trotz weiteren Störfeuers durch Brutus wird die Brücke fertig. Doch die undankbare Arbeiterklasse geht die wenigen Meter nun begeistert zu Fuß. Zum ersten Mal seit vierzig Jahren sind die Arbeiter pünktlich – und Popeye ist arbeitslos.

Heute ist derart sorgloser Umgang der Allgemeinheit der Schöpfung anderer gang und gäbe. Natürlich kann man die Geschichte auch als Metapher für den Niedergang fossiler Brennstoffe betrachten oder als verfrühten Kommentar zum liberalisierten Fernbnusverkehr (ab 2013). Als ich noch Kabarettist war, habe ich Popeyes Erlebnis aus der Sicht des verärgerten Bahnfahrers gelesen …
Der Himmel weiß was mir in 20 Jahren dazu einfallen wird.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2014/09/22/der-multimedia-spinatmatrose/

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