Broadway’s Like That (37): Eine Insel aus Träumen geboren

13. Richard Rodgers mit Oscar Hammerstein II (4)

“Das ist der ärgerliche Teil unserer Zusammenarbeit: ich brauche eine Woche, manchmal drei Wochen, um die Worte eines Songs zu schreiben. Nachdem ich sie ihm gegeben habe, braucht er ein oder zwei Stunden, und seine Arbeit ist getan“, beschwert sich Hammerstein scherzhaft über die Tücken der Arbeit mit Rodgers. So schlicht und unspektakulär Hammersteins Texte wirken mögen, waren sie doch sorgfältig erarbeitet, damit sie auch genau dem Charakter der Person, für die sie bestimmt waren, der Atmosphäre und Situation des jeweiligen Stückes entsprachen. Daß bei diesem Team – im Gegensatz zur üblichen Praxis – die Musik meist nach den Texten entstand, kam einer engeren Verbindung zwischen beidem nur zugute.
Rodgers schien sich des leichten Komponierens beinahe zu schämen. In einem Interview, das der seinerzeit berühmte Ed Sullivan in seiner Fernsehshow mit Rodgers & Hammerstein führte, erklärte Rodgers, dass die schließliche Niederschrift der Musik das Ergebnis monatelangen Planens und Diskutierens von Figuren und Situationen des Stückes sei. Gerade der Song „Bali Ha’i“ aus „South Pacific“ sei eine solche Arbeit, die zwar schnell zu Papier gebracht, doch lange vorausbedacht worden sei.

Ed Sullivan spricht mit Richard Rodgers

„South Pacific“ war 1949 das nächste (sogar Pulitzer-preisgekrönte) Hit-Musical von Rodgers & Hammerstein. Wieder lag dem Stück eine literarische Quelle zugrunde: Kurzgeschichten aus James Micheners Sammlung „Tales Of The South Pacific“. Das prägnante „Bali Ha’i“-Motiv*, mit dem die Ouvertüre anhebt, beschwört sogleich den Zauber der Südsee, lässt das Bild der exotischen, geheimnisvollen Insel „Bali Ha’i“ entstehen. Wie so manche gute alte Operette, verheißt „South Pacific“ Exotik und Romantik. Doch berührt „South Pacific“, das während des Zweiten Weltkriegs auf zwei Südseeinseln, Stützpunkten der amerikanischen Marine spielt, auch ein durchaus realistisches Thema: den Wiedersinn rassischer Vorurteile. Beide Liebesgeschichten sind von dieser Problemstellung betroffen, und ein kurzer Song spricht sogar explizit davon, dass Rassenvorurteile nicht angeboren, sondern angelernt sind.
Die hier beschriebene Haltung passt zu dem Eindruck, den der Dramatiker Arthur Miller von Oscar Hammerstein gewann: dass sich nämlich hinter seinem onkelhaften Wesen entschieden liberale Ansichten verbargen.

Die konventionellen Aspekte der zentralen Liebesgeschichte zwischen der unbeschwerten amerikanischen Krankenschwester und dem romantikumwitterten französischen Pflanzer, Vater zweier Mischlingskinder, kommen natürlich auch nicht zu kurz. Der Broadwaystar Mary Martin spielte in der Originalproduktion die weibliche Hauptrolle. In ihrem Song „I’m In Love With A Wonderful Guy“ ist sie so überschwänglich verliebt, dass ein Beobachter kommentierte: „Wenn Mary Martin uns freudestrahlend mitteilt, I’m In Love, I’m In Love, I’m In Love With A Wonderful Guy, murmelt man nicht ‚Was geht mich das an?’, sondern ‚Glückwusch, Glückwunsch, Glückwunsch Euch beiden!’“

Mary Martins Partner war der Metropolitan-Opera-Baß mit Musical-Ambitionen Ezio Pinza. Wegen der unterschiedlichen stimmlichen Fähigkeiten der beiden Hauptdarsteller, mußte Rodgers übrigens darauf achten, sie nicht zusammen singen zu lassen. Sie singen aber abwechselnd in ein weiteres nicht-banales Liebesduett: „Twin Soliloquies“. Diese führt hinüber ins große Liebesthema des Abends: „Some Enchanted Evening“.

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* Die audiophilen Fans des klassischen Horrorfilms monierten bei den allerersten Tönen des Musicals, dem Thema von „Bali Ha’i“, eine ungenannte Anleihe bei Franz Waxmans Thema für „Bride Of Frankenstein“.)
Forts. folgt

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