Superheldenpropaganda

betr.: 94. Geburtstag von Stan Lee

Quentin Tarantino liebt es, die Popkultur in den philosophischen Diskurs mitzunehmen. In jedem seiner Filme tritt mindestens eine abgründige Respektsperson auf, die nach dem Zitieren der Bibel, von Sokrates, Hegel und Kant noch einmal bei den Comics vorbeischaut oder bei einer Kinokultur, die (bis dato) dem Trash zugerechnet wurde. Kampfpausen werden gern für die eine oder andere Rede genutzt, abgeliefert nicht selten von vergessenen Poster-Boys und -Girls, die genau dieser Subkultur entstiegen sind. Mit ihrer Stimme sprechend zeigt uns der Regisseur dann die Achse der sittlichen Tiefe auf, die ihre Welt mit der Hochkultur verbindet und was das alles mit unserem Leben zu tun hat.
Diese Monologe sind das Salz in der Suppe seiner großen Opern, und ich werde das Gefühl nicht los, Tarantino drehe Filme letztlich nur um sie herum.
Im Finale des Zweiteilers „Kill Bill“ läßt der Regisseur ausgerechnet den gealterten Kung Fu-Caine persönlich einen irritierend danebengehenden Text proklamieren: „Es gibt nur einen Superhelden, und es gibt das Alter Ego“, erklärt der wiederauferstandene David Carradine, nachdem er den stinklangweiligen Alleskönner „Superman“ als seinen Lieblingssuperhelden bezeichnet hat. „Spider-Man ist in Wirklichkeit Peter Parker … Wenn diese Figur morgens früh aufwacht, dann ist es Peter Parker. Er braucht erst sein Kostüm, um Spider-Man zu werden. Und was diese Charakteristik angeht, ist Superman eine Ausnahme. Superman wurde nicht erst zum Superman, Superman kam als Superman auf die Welt. Wenn Superman morgens aufwacht, ist er Superman. Sein Alter Ego ist Clark Kent. Sein Umhang mit dem großen roten S, das ist die Decke, in die er als Baby eingewickelt war …“
– Offensichtlich wollte Tarantino den zu killenden Bill, der zuvor schon als wortgewaltiger Sinnsucher vor rauer Kulisse in Szene gesetzt worden war, noch einmal zum Trottel zurechtstutzen, bevor ihm Uma Thurman den Garaus macht.
Wer die Marvel Comics gelesen hat, weiß, dass es sehr wohl eine ganze Reihe von Figuren gibt, die schon vor dem Zähneputzen Helden sind: Thor zum Beispiel, dessen menschliche Identität ebenfalls nur Verkleidung ist, das Undercover-Alien Captain America, der Labormutant Captain Marvel  oder das Ding. Gar nicht zu reden von den Schurken – Doctor Doom, Galactus, Dracula – oder jenen Marvel-Stars, die auf eine Alltags-Identität gleich völlig verzichten: Aquarius*, Ka-Zar, Vision, der Silver Surfer. (Beim Hulk kommt es auf den Tag an …)
Dieser Umstand kann einem Aficionado wie Tarantino unmöglich entgangen sein. Offensichtlich will will er seinen Bösewicht eins auswischen: Bill hält sich für einen der coolen Killer aus „Pulp Fiction“ und ist doch nichts als ein labernder alter Spießer, der die falschen Heftchen (bzw. die richtigen nicht / nicht gründlich) gelesen hat.**
Und Uma Thurman ist so freundlich, ihn nicht bloßzustellen, ehe sie ihn zur Strecke bringt.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2016/10/01/aquarius-prinz-namor-der-held-von-atlantis-die-deutsche-chronologie-von-marvels-sub-mariner/
** Die deutsche Synchronisation tut des Guten ein bisschen zu viel, indem sie die Nachlässigkeit fortschreibt und in dieser Szene das Wort Comic Books (Comichefte) mit „Comic-Bücher“ übersetzt.

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