Ein kurzer Film über das Coachen

betr.: 75. Geburtstag von Yvette Mimieux

Yvette Mimieux hat es mit einem ihrer ersten Filme in den Kanon der beliebtesten Kinofilme geschafft: sie ist das unbedarfte Eingeborenenmädchen Weena, das Rod Taylor auf seiner Zeitreise trifft. Der Film heißt „Die Zeitmaschine“, entstand 1959 in Technicolor und wird als einer der besten Science-Fiction-Filme überhaupt angesehen. –  Das gilt den Heutigen nicht mehr allzuviel, doch objektiv kann man zumindest sagen, dass ihm ein Remake von 2002 nicht gefährlich werden konnte.
Ich erinnere mich spontan nur an einen weiteren Auftritt von Mrs. Mimieux, eine Hauptrolle gut 20 Jahre später*. In „Gehirnwäsche“ („Brainwash“) von Bobby Roth ist sie als abgebrühte Werbeagenturchefin zu sehen, die ein Rudel leitender Angestellter durch ihr Trainingsprogramm begleitet, das zum Ziel hat, „die störungsanfällige Persönlichkeit von ihren Verkrampfungen zu erlösen“.
Der Film ist ein Beweis für die Binsenweisheit, dass der letzte Akt immer der schwerste ist. „Gehirnwäsche“ schafft es – wenn ich mich recht erinnere – noch bis in einen sehr wirkungsvollen zweiten, ehe er plötzlich auseinanderfällt.
Das Seminar, das in einem idyllisch-ablegenen Luxushotel abläuft, führt die Teilnehmer nicht nur an ihre Grenzen sondern an den Rand des Wahnsinns. Sie werden aufs Grässlichste erniedrigt und gegeneinander aufgehetzt – alles im Dienste der genannten Absicht. Der Film ist überaus unangenehm, ein billiger kleiner Horrorfilm, aber gut 35 Jahre später unbestreitbar relevant. Es wird allerorten gecoacht wie nie, und inzwischen sind die amerikanischen Konzepte der Selbstoptimierung (der Begriff zieht uns heute widerstandsfrei durch die Ohren) auch bei uns vollkommen üblich.

Als ich den deutschen Film „Das Experiment“ im Kino sah, erinnerte mich an „Gehirnwäsche“. („Das Experiment“ war so drastisch, dass mein Begleiter, der selbst als Coach arbeitet, hinterher völlig verstört und zu keinem gemeinsamen Barbesuch mehr in der Lage war.) Auch „Gehirnwäsche“ war überaus explizit – unvergessen ist mir die Szene, in der ein übergewichtiger Teilnehmer nackt in einen Schweinestall gesperrt und mit Küchenabfällen gefüttert wird. Ein anderer wird lebendig begraben. Aber der Film ist nicht schlicht voyeuristisch, er gibt sein großes Thema zur Diskussion frei.
Leider klappte es nicht mit dem 3. Akt.
Die Handlung findet keine Auflösung, nicht einmal ein gutes offenes Ende.  Irgendwann beginnen die Teilnehmer (bessere Lagerinsassen), sich Fragen über die Identität der Seminarleiterin zu stellen … und auf einmal ist einfach Schluss.

Ich hätte große Lust, Yvette Mimieux in dieser Rolle wiederzusehen.

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* Nach einigem Nachdenken fällt mir ein, dass ich sie noch in dem Südstaatendrama „Toys In The Attic“ gesehen habe, aber in der Tat hat sie hauptsächlich fürs Fernsehen gearbeitet …
** Der Film ist in grauer Vorzeit bei Thorn EMI und bei Cannon Screen Entertainment auf VHS erschienen.

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