Der Song des Tages: „Lonely House“

betr.:  70. Jahrestag der Uraufführung der Oper „Street Scene“

Bald nachdem seine Flucht vor den Nationalsozialisten Kurt Weill auf Umwegen an den Broadway geführt hatte, stellte ihm George Gershwin das Projekt vor, an dem er gerade arbeitete: „Porgy And Bess“, eine sogenannte Neger-Oper. Wie wir wissen, gelang es Gershwin, damit ins Opernfach aufgenommen zu werden. Das mag nicht unbedingt Weills vorrangiges Motiv gewesen sein, denn Volkstümlichkeit war ihm sehr wichtig. Andererseits führte ihn sein ständiges Streben nach einer Weiterentwicklung des Musical-Konzeptes, mit dem er in New York bald großen Erfolg hatte, geradewegs zu einer amerikanischen Oper. Er erinnerte sich an ein Stück von Elmer Rice, das er in den 20er Jahren in Europa gesehen hatte: „Street Scene“.  Seine Überzeugung, hier eine gute Vorlage für ein Musikwerk vor sich zu haben, nahm Gestalt an, als er Rice in seiner neuen Heimat kennenlernte. Wegen der Songs wandte er sich an den schwarzen Poeten Langston Hughes, dem er zutraute, die Slangs von New York, die Sprache und Folklore der Slums in das Werk einzubringen.
„Street Scene“ stellt den Gipfel Weill’scher Amerikanisierung dar. Mit Rice als Librettisten und Langston Hughes als Songtexter konnte er sich frei zwischen Dialog, Broadway-Nummern und durchgeformten Arien bewegen, Arien von so reicher musikalischer Sprache, dass sie Charakter und innerstes Gefühl von Figuren verschiedenster ethnischer Herkunft erfassten.

Weill in einem Brief an den Theaterregisseur Rouben Mamoulian: „Das politische Element des Originals wird beträchtlich gemildert. Statt immer nur geprügelter Jude, wird Sam jetzt der junge Poet sein, der versucht, sich der Welt und den hassenswerten Umständen, unter denen er lebt, anzupassen. ‚Lonely House‘ ist fast so etwas wie das Thema-Lied der Show: das Haus als Gefängnis für den menschlichen Geist.“
Von „Lonely House“ gibt es – abseits der Interpretationen im Cast Recording und in den vorliegenden Gesamtaufnahmen – zwei Einspielungen, bei denen sich ein Wiederhören besonders lohnt: Lotte Lenyas Version von ihrem 1956 erschienenen Kurt Weill-Album* und der Auftritt von Betty Carter in dem Film „September Songs“, zu dem auch ein Soundtrack erschien.

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* Siehe  https://blog.montyarnold.de/2016/11/27/der-song-des-tages-foolish-heart/

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